Versicherungsbetrug

Tödlicher Kavalier

Eine Versicherung auszutricksen, gilt als harmloses Delikt. Dabei entstehen Milliardenschäden – und im Extremfall sind sogar Menschenleben in Gefahr.

Report

Eine Geschichte von Lug, Trug und Mord

TEXT: KATHARINA FUHRIN | ILLUSTRATIONEN; ANJA STIEHLER, C/O JUTTA FRICKE

*Die kursiven Textpassagen schildern die Ereignisse, wie sie sich mutmaßlich zugetragen haben. Belegt sind sie durch Zeugen, Polizeiprotokolle sowie ein Interview mit Josef Wilfling, dem damaligen Hauptkommissar und Ermittlungschef im Fall Tesler.

1992, während eines Ausflugs in die Wüste Negev, lernt Ursula Glück Ilan Tesler kennen. Sie, 29, Tochter einer Münchner Metzgerfamilie, arbeitet in Israel als Krebsforscherin. Er, 21, wohnt bei seinen Eltern in Rechovot. Glück verliebt sich, Tesler genießt ihre Zuwendung. Auch die finanzielle. Sie hat Geld und lässt ihren charmanten Freund daran teilhaben. Sie sorgt sich, wenn sein Laden für Autozubehör ausgeraubt wird. Und wundert sich, als der neue Opel Kadett, den sie ihm geschenkt hat, wenig später vollständig ausbrennt.*

Versicherungen in Europa werden jährlich um acht bis zwölf Milliarden Euro betrogen, schätzt die Beratungsgesellschaft Accenture. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft geht davon aus, dass allein Schaden- und Unfallversicherungen in der Bundesrepublik um vier Milliarden Euro pro Jahr geprellt werden. Jeder zehnte gemeldete Fall ist manipuliert. Am häufigsten wird die Privat-Haftpflicht missbraucht. Immer wenn eine neue Generation von Smartphones auf den Markt kommt, steigt die Zahl von Handy-Schadenmeldungen sprunghaft an. In einem von zwei Fällen klingen die Angaben dubios.

Je nach Studie halten es 20 bis 33 Prozent der Befragten für okay, bei der Versicherung zu tricksen. Kathrin Schleich, Kriminalpsychologin am Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt, erklärt, wie es zu diesen hohen Zustimmungsquoten kommt: Kunden zahlen oft jahrelang Beiträge; manche glauben, sie hätten das Recht, etwas herauszubekommen. »Das Prinzip der Solidargemeinschaft wird ignoriert. Es dominiert die Überzeugung, niemandem direkt zu schaden«, sagt Schleich. Wo kein Opfer, keine Straftat – so reden es sich Manipulierer gern schön.

Viele Versicherungsbetrüger sind Gelegen­heitstäter: Ein Schaden liegt vor, aber der Verlauf wird falsch dargestellt. Geht das einige Male gut, sinkt die Hemmschwelle, weitere Fälle zu fingieren oder zu provozieren. Schleich beobachtet bei Versicherungsbetrügern ausgeprägte psychologische Rechtfertigungstechniken: Sie leugnen ihre eigene Verantwortung (»Das macht doch jeder!«) und den entstandenen Schaden (»Das tut denen doch nicht weh!«). Die Täter kommen aus allen Gesellschaftsschichten. In München etwa täuschte ein Netzwerk von mindestens 25 Personen Unfälle mit Luxusautos vor. In den Jahren 2000 bis 2005 verursachten sie Versicherungsschäden in Höhe von fast 1,5 Millionen Euro. Haupttäter war ein Schaden­sachbearbeiter, Unterstützung fand er bei einer Anwältin, Autohändlern und Kfz-Experten.

Glück und Tesler sind seit wenigen Wochen ein Paar, da schenkt er ihr zum Geburtstag eine Risikolebensversicherung. Er selbst hat bereits drei. 1994 nimmt die junge Wissenschaftlerin ein Jobangebot aus den USA an. Tesler bleibt zunächst zurück, hat eine Affäre, aber hält die Fernbeziehung zu Ursula aufrecht. Sie kommt ihn besuchen. Weil sein Geschäft kurz vor dem Ruin steht, entschließt er sich, in New York neu anzufangen. Das Paar fliegt gemeinsam in die Vereinigten Staaten. Am Flug­hafen bittet er sie, seinen Koffer vom Band zu nehmen und allein vorzugehen. Er will das Gepäck als gestohlen melden. Ursulas Freunde beschreiben sie später als »kreuzbrave Frau«, die Geld nicht sonderlich interessierte. Für den Betrug ließ sie sich dennoch einspannen.

»Professionelle Betrüger lügen oft pathologisch, haben einen Mangel an Empathie und instrumentalisieren andere Menschen«, sagt Kathrin Schleich. »Sie sind Meister im Manipulieren.« Ihre Partner sind in vielen Fällen nicht nur Mitwisser, sondern Helfer. Die vermeintlichen Liebesdienste reichen von Unterschriftenfälschungen bis Brandstiftung und Selbstverletzung. 2001 hatte sich ein 55-jähriger Mann aus Pyrmont zweimal absichtlich von einem Auto überfahren lassen. Erst brach der linke, dann der rechte Unterschenkel, außerdem Sprunggelenk und Unterarm. Es war die Idee seiner Freundin. Sie erfand anschließend Arbeitsunfälle und kassierte von der Berufsunfähigkeitsversicherung 815.000 Euro. Der Betrug flog auf, weil eine Mitwisserin das Paar erpresste.

Tesler hat in Israel Kreditschulden von umgerechnet 50.000 D-Mark – und eine Kapitallebensversicherung über rund 135.000 D-Mark. In New York mietet er ein Auto, lädt ein Fahrrad ein und fährt in das Grenzgebiet zu Kanada. In einem Waldstück lässt er den Wagen stehen und radelt einen Teil der Strecke zurück. Per Anhalter kommt er zurück nach New York, um sich im Apartment von Ursula zu verstecken, dann unerkannt nach Israel zu reisen und sich für tot erklären zu lassen. Der Plan scheitert, weil seine Eltern eine Suchaktion einleiten und Ursula ihn dazu bewegt, wieder aufzutauchen.

In einigen Fällen sind Versicherungsbetrüger bereit, hohe persönliche Verluste in Kauf zu nehmen. Sie täuschen zum Beispiel ihren Tod vor und leben über Jahre getrennt von ihren
Familien. Sie stecken das Haus ihrer Eltern in Brand. Manche opfern Körperteile. Bei einem angeblichen Unfall mit einer Motorsäge verlor ein Chirurg aus Brandenburg zwei Finger. Danach konnte er nicht mehr arbeiten. Weil er kurz zuvor sechs Versicherungen abgeschlossen hatte, wurde die Staatsanwaltschaft stutzig. Ihn verrieten letztlich die Verletzungen, die nach fachgerechten Amputationen aussahen.

Die meisten Versicherungsbetrüger, erklärt Kriminalpsychologin Schleich, gehen dagegen nur geringe Risiken ein und wollen mit wenig Ressourcen einen hohen Gewinn erzielen. Ihre Triebfeder: Geld. Professionelle Täter haben laut Schleich noch ein zweites Kernmotiv: Sie wollen Macht ausüben.

1995 heiraten Ilan Tesler und Ursula Glück. Er möchte nun als Versicherungsagent arbeiten und lässt Vertreter kommen und gehen. Seiner Frau legt er Dutzende Verträge zur Unterschrift vor. Ihr Misstrauen ist dabei offenbar geringer als die Freude darüber, dass ihr Mann eine Beschäftigung hat. Sie weiß nicht, dass er die 700 Dollar, die sie ihm monatlich zur Verfügung stellt, bis zum letzten Cent für Prämienzahlungen ausgibt.
An Weihnachten 1996 fährt das Paar nach Peru, um auf dem Inkapfad zum Machu Picchu zu wandern. Am Morgen des
7. Januar trifft eine Reisegruppe auf den blutverschmierten Ilan Tesler, der apathisch vor seinem Zelt sitzt. Drinnen liegt Ursula Glück, schwer verletzt durch einen Kopfschuss. Sie stirbt wenig später in einem Krankenhaus in Lima. Tesler berichtet der Polizei von einem bewaffneten Raubüberfall, doch Überfälle hat es seit 20 Jahren auf dem Touristenpfad nicht mehr gegeben. Auch seine angeblich gestohlene Geldbörse taucht wieder auf. Die peruanischen Polizisten sind skeptisch, können ihm aber nichts nachweisen. Ursula Glücks Leichnam wird nach München zu ihrer Familie überführt, die dortige Kriminalpolizei beginnt zu ermitteln. »Die ganze Geschichte war von Anfang an komplett unglaubwürdig«, sagt der damals leitende Hauptkommissar Josef Wilfling. »Aber es gab kein Motiv. Er hat immer wieder beteuert, wie sehr er sie geliebt habe.« Tesler, den Wilfling als selbstherrlich und narzisstisch empfindet, darf ausreisen. Die Ermittlungen stagnieren zwei Jahre. Bis bei Ursula Glücks Eltern der Anruf einer Versicherung aus den USA eingeht, die nach Dokumenten fragt.

In den USA ist es üblich, dass Versicherungsunternehmen bei Betrugsverdacht mit Detektiven zusammenarbeiten. Die Allianz Deutschland geht das Problem mit geschulten Spezialisten an, die verdächtige Fälle erkennen können und überprüfen. Außerdem sind sämtliche Mitarbeiter im Innen- und Schadenaußendienst sensibilisiert. Regelmäßig werden sie über neue Praktiken und Trends aufgeklärt. »Unsere konsequente Betrugsabwehr verhindert jährlich Auszahlungen im zweistelligen Millionenbereich«, sagt Rüdiger Hackhausen, Leiter des Fachbereichs Schaden bei der Allianz Versicherungs-AG. Die große Mehrheit verhält sich ehrlich, betont Michael Halm, Leiter Betrugsabwehr im Fachbereich Schaden. »Gerade deshalb erwarten unsere Kunden, dass wir schwarze Schafe herausfinden und betrügerische Forderungen abwehren. So können wir zum Beispiel nach einem provozierten Verkehrsunfall, bei dem einer unserer Kunden in eine Falle gelockt wurde, professionell beistehen.«

Auf Teslers Bankkonten sind inzwischen Versicherungssummen in Höhe von 1,8 Millionen D-Mark eingegangen. 300.000 Dollar fehlen noch, weil die letzte Versicherung aufgrund von Ungereimtheiten nicht zahlen will. Mithilfe der US-Detektei und zweier Sachverständigen kann Wilflings Team rekonstruieren, dass Tesler für Ursula Glück 13 verschiedene Versicherungen abgeschlossen hatte. Kurz vor der Reise nach Peru noch eine Reiseversicherung mit Leichenrückführungsgarantie. Auch gelöschte E-Mail-Konversationen werden wiederhergestellt. Die Ermittler finden Hinweise auf Teslers Affären und lesen Sätze wie diesen, den er über seine Ehefrau schrieb: »Die Alte ekelt mich an.« Um den Tathergang zu rekonstruieren und Zeugen zu vernehmen, reisen Wilflings Leute um die Welt. Sie finden das Zelt des Ehepaars. Anhand von Schüssen auf Gelatineblöcke wird klar, dass Ursula Glück nicht in der Position erschossen worden sein kann, wie Tesler sie beschrieb. Ein Gutachter schließt zudem aus, dass die verwendete amerikanische Munition 1997 in Peru erhältlich gewesen ist. 1999 wird Tesler am Flughafen München wegen Mordverdachts verhaftet. »Irgendeinen Fehler macht jeder Täter«, sagt Hauptkommissar Wilfling, »niemand kann alle Eventualitäten einplanen.« Der Prozess beginnt vier Jahre nach dem tödlichen Schuss. Nach 56 Verhandlungstagen und 300.000 Euro Prozesskosten ergeht das Urteil: lebenslange Haft für einen heimtückisch begangenen Mord aus Habgier. Gestanden hat Tesler bis heute nicht.