Vermisstenfall

Such!

Eine Münchnerin fahndet seit Monaten nach ihrer Hündin Carlie. Mit dem größten Elan, den man je gesehen hat

Frau sucht Hund

Und die halbe Stadt sucht mit

Text: Christian gottwalt | FotoS: dirk bruniecki

Ab welchem Moment genau sich die Suche nach Carlie wie ein Film anfühlte, ist schwer zu sagen. Als die Helfer 10.000 Zettel an die Laternen geklebt hatten und Nachschub verlangten? Als eine Boulevardzeitung einen Liveticker einrichtete? Als zum Infoabend Leute kamen, die noch nie einen Hund hatten, aber trotzdem von der Tierliebe gepackt wurden? »Irgendwann druckten wir T-Shirts für die Helfer«, sagt Bine Alff. Vielleicht war das der Moment, an dem sie sich sagte: Eigentlich sollte ich darüber ein Buch schreiben.
Noch heute, acht Monate nach Beginn der Suchaktion, blickt Bine Alff staunend auf das, was sie da losgetreten hat. Wie die halbe Stadt mitfieberte. Wie wildfremde Leute sie tröstend in den Arm nahmen. Und als wolle sie sich vergewissern, dass alles kein Film war, sagt sie: »Ich bin doch nur eine Frau, die ihren Hund sucht.«
Bine Alff, 34, ist eine fröhliche Frau mit einem großen Freundeskreis und einer engen Beziehung zu Hunden. Seit fünf Jahren arbeitet
sie als Verhaltensberaterin für Menschen und ihre Hunde. Daneben führt sie Hunde aus, 40 Tiere betreut sie im Wechsel, dass reiche, neue Klienten nimmt sie nicht mehr an.
Seit Carlie weg ist, spürt sie die Verantwortung und das Vertrauen, das ihr die Besitzer der Hunde entgegenbringen. Wenn sie mit den Tieren unterwegs ist, lässt sie fast alle von der Leine. Dann ist jedes Tier ein potenzieller Ausreißer. Manchmal wandert sie mit zehn Hunden gleichzeitig an der Isar entlang, hochkonzentriert. Ist das ein Wink des Schicksals, dass ausgerechnet einer professionellen Hundeausführerin der eigene Hund wegläuft? »Meine Kunden vertrauen mir weiter«, sagt sie, »sie wissen, dass ich verantwortungsvoll mit den Tieren umgehe.«

Carlie verschwand am 19. Juli 2014. Um 2 Uhr früh kam der Anruf ihrer Schwester: »Bine, Carlie ist weg.« Bine Alff steckte zwei Autostunden von München entfernt fest. Züge fuhren keine, und einen Mietwagen bekam sie auch nicht. Machtloses Warten, wachsende Verzweiflung. Ab 3 Uhr klingelte sie ihre Freundinnen aus dem Bett.
Als Bine Alff zurück in München war, standen schon fremde Leute vor ihrem Haus und wollten helfen. Liefen in größer werdenden Kreisen durch die umliegenden Viertel. Die Hündin muss, so rekonstruierte sie es später, über den Gartenzaun gesprungen sein. Auf der Straße wurde sie beinahe angefahren. Eine Polizeistreife versuchte, sie einzufangen, Menschen liefen ihr hinterher. Seither, vermutet Bine Alff, befindet sich Carlie auf der Flucht vor den Menschen: »Sie rennt um ihr Leben.«
Bine Alff schloss sich der Suche an, klebte Zettel an die Ampelmasten, 22 Stunden ohne Unterbrechung. Dann kamen die Anrufe von Leuten, die Carlie gesehen haben wollten, 300 allein am ersten Tag. In den folgenden drei Monaten bestand ihr Leben nur noch aus der Suche. Sie legte sich ein zweites Telefon zu, um ja keinen Anruf zu verpassen. Nachts um elf und früh um fünf Uhr füllte sie Futternäpfe an Orten, an denen Carlie öfters gesehen wurde und suchte nach Spuren im Sand. »Man muss stark riechendes Futter nehmen, Pansen, Würstchen aus dem Glas, Thunfisch.«
Ein roter Fiat Ducato, Baujahr 2005, hinten eine Matratze drin statt einer Rückbank, entwickelte sich zu ihrer Kommandozentrale. Wochenlang campierte sie auf der Theresienwiese, wo Carlie immer wieder gesehen wurde. Als das Oktoberfest losging, zog sie mit ihrem Bus zum Südpark. »Wir sind jeder Sichtung hinterhergefahren, aber das war natürlich Quatsch. Wir hätten Ruhe bewahren sollen.« Später studierte der Suchtrupp strategisch den Stadtplan, besetzte Brücken, über die Carlie gehen musste, wenn sie von einem Grün ins andere wollte.

Schnell bildete sich ein Kernteam, das Bine Alff über eine WhatsApp-Gruppe koordinierte. Jeder half nach Kräften: die Polizeireviere abtelefonieren. Bei der Stadt Genehmigungen einholen. Die Webseite programmieren. Kontakt zu Stadt­jägern knüpfen. Eine Suchhundestaffel um Hilfe bitten. Tierheime abklappern. Flyer drucken.
Auf einmal waren es 100 Helfer, die unentwegt Suchplakate klebten; auch heute noch, acht Monate nach Carlies Verschwinden, erneuern Leute verblichene oder abgerissene Flyer. Nicht nur im Stadtgebiet, sondern weit darüber hinaus. 170.000 Flyer hat Bine Alffs Suchteam bislang
geklebt. Würde man alle Flyer auf eine Europalette legen, wäre der Stapel einen Meter hoch. Dazu noch das Klebeband, kistenweise. Ihr war wichtig, dass den freiwilligen Helfern nicht auch noch Kosten entstehen.
Die vielen Zettel in der Stadt gefielen nicht allen. Manche rissen die Flugblätter von den Laternen, andere schimpften anonym im Netz: So ein großes Gewese wegen eines einzelnen Hundes. So viele Zettel, das ist doch alles Müll. Die Frau ist doch selbst schuld, der Hund hatte ja nicht mal ein Halsband. Und überhaupt, die vielen Hunde in der Stadt.

32.600 Hunde sind in München gemeldet, wie viele davon jährlich verschwinden, darüber führt kein Amt eine Statistik. Pro Tag, schätzt Bine Alff, verschwinden zwei Hunde für länger als zwei Stunden. Sechs oder sieben im Jahr für länger als sechs Monate. Bine Alff kennt einen Fall, da fand ein Hund nach 18 Monaten wieder heim. Deshalb gibt sie die Hoffnung nicht auf. Sie will Gewissheit. Ob Carlie tot ist oder ob sie jetzt bei anderen Leuten lebt – alles wäre leichter zu ertragen als dieser Schwebezustand.

Bine Alffs Anschluss hat sich inzwischen zu einer Art Notrufzentrale für streunende Hunde entwickelt. Mit ihren Freunden und Helfern hat sie 20 Hunde gefunden, nach denen sie nicht gesucht hat. 19 konnte sie ihren Besitzern zurückgeben, einer kam zu einer neuen Familie. Fundhund Nummer 21 könnte Carlie sein.

Haben Sie Carlie gesehen? Beteiligen Sie sich an der Suche: