Medizin

AUGEN ZU UND DURCH

Kopfschmerzen, immer wieder Kopfschmerzen. 25 Jahre dauerte es, bis unsere Autorin ein Mittel gegen ihre Migräne fand

Augen zu und durch

Ein halbes Leben brauchte unsere Autorin, um ein Mittel zu finden, das gegen ihre Migräne hilft

Text: Julia Werner | Fotos: Sammy Hart

Mein Job vereinnahmt mich sehr. Und ich habe Migräne. Sozusagen statt Kind. So wie ein Kind ist Migräne ein ganzes Leben lang da. Sie nervt immer dann, wenn man sie gerade gar nicht brauchen kann, zum Beispiel im Urlaub oder bei einem Wasserrohrbruch. Und sie ist, wie das Kind für junge Eltern, mein regelmäßiger Absagegrund für Partys. Leider ist Migräne sozial weitaus weniger akzeptiert als Elternschaft. Im Gegensatz zum Kind funktioniert sie in Kombination mit einem Job ganz gut: Als ob die Migräne wüsste, dass es jetzt gerade nicht passt, verhält sie sich still, wenn der Stress groß ist. Sie meldet sich erst am Wochenende, wenn alles vorbei ist. Während die »normalen Menschen« am Sonntag in der Sonne sitzen, liegt man als Migräniker gerne mal im Dunkeln.
Die Wissenschaft sagt, dass Migräne-Hirne schneller sind als normale. Sie nehmen Reize unendlich lang auf, weil ihnen ein Schutzmechanismus gesunder Gehirne fehlt. Als Schutz­engel taucht deshalb die Migräne auf. Sie ruft: Hey! Das ist zu viel! Leg dich mal hin! Und dann, wenn der Anfall vorbei ist, steht man auf wie Phönix aus der Asche. Man muss also lernen, sie dafür zu lieben, dass sie einem eine Schaffenspause schenkt. Sie legt einem keine Strafe auf. Das zu verstehen, ist die Lebensaufgabe von Migränikern.

Wenn das Schmerzmittel langsam in die Vene fließt, erzählt mir mein Bereischatftsarzt immer glückselig von Hawaii

Als mir ein Anästhesist, der als Schmerztherapeut arbeitete, dazu riet, mein Leben karrieretechnisch lieber auf Routine auszurichten, bei einem Amt zum Beispiel, war ich Anfang 20. Migräne-Patienten bräuchten feste Abläufe, und ein Leben als Journalistin gehöre nicht in diese Kategorie. Ich glaubte ihm das und heulte mir tagelang die Seele aus dem Leib. Das ist das Schlimmste an Migräne: Sie will dir einreden, dass du keine Abenteuer erleben darfst. Aber Migräne-Patienten sind, vor allem wegen des regelmäßigen Ans-Bett-gefesselt-Seins: Stehaufmännchen, logisch.
Über meinem Sofa steckt mein Migräne-Nagel in der Wand. Er ist das Überbleibsel eines verunglückten Bildhängungsversuchs, und ich muss jeden Gast, der auf meinem Sofa übernachtet, davon abhalten, ihn aus der Wand zu ziehen. Der Bereitschaftsarzt, der mich manchmal zu Hause besucht, hat ihn irgendwann in Beschlag genommen, weil es praktisch ist, den Infusionsbeutel dort aufzuhängen. Er wirkt mit seiner Pudelmütze ein bisschen verwirrt, aber er weiß genau, was er tut. Wenn das Schmerzmittel langsam in die Vene fließt, erzählt er mir immer glückselig von Hawaii.
Ich weiß, dass das nur ein Manöver ist, um die Patientin von ihrer Verzweiflung abzulenken. Trotzdem gehe ich mit ihm jedes Mal auf Gedankenreise, denn ich weiß: Je mehr man sich auf den dumpfen Schmerz konzen­triert, desto mehr nimmt er einen in Beschlag. Früher, vor einigen Jahren, hätte mich die Wut auf den Schmerz taub gemacht für die Blumen-und-Vogel-Geschichten. Diese für Migräniker wichtige Weisheit musste ich mir hart erarbeiten: Nur wenn du den Schmerz akzeptierst, diesen fiesen Energie-Vampir, kannst du gegen ihn gewinnen. Trotzdem: Es sind immer nur Etappensiege. Perioden der Schmerzlosigkeit dauern nie für immer. Die schlimmen Phasen – mein Rekord liegt bei 14 Attacken in einem Monat – aber eben auch nicht.

Zwei Leidenschaften prägen das Leben unserer Autorin bis heute: die Mode. Und die Migräne

Meinen ersten echten Migräne-Anfall hatte ich mit 12, und in den folgenden 25 Jahren habe ich mehr Ärzte kennengelernt, als mir lieb ist. Viele davon unfreiwillig, in Notaufnahmen fremder Städte. Die meisten Ärzte hatten in Sachen Migräne keinen Schimmer und verschrieben mir – »beruhigen Sie sich mal« – Valium. Nur eine Handvoll war so empathisch wie mein Hawaii-Mann. Ich bin Modejournalistin, aber ich behaupte, in meinem Leben bei Weitem mehr Heiler, Therapeuten und Spezialisten getroffen zu haben als Modedesigner, und auch das waren nicht wenige. Soziopathische Neurologen, darmreinigungsversessene Heilpraktiker, verbohrte Osteopathen und allwissende Chiropraktiker pflastern meinen Weg. Ich wurde verdreht, mit einer Million Akupunkturnadeln gepikst und von Psychologen getriezt, die meinen Weltschmerz als Ursache erkannten, obwohl die Wut immer nur das Symptom war.
Mir wurden Nahrungsmittel­allergien eingeredet und Weißmehl, Zucker, Eier, Mehl entzogen, was das schmerzverzerrte Leben nicht unbedingt leichter macht. Immer lag im Spezialgebiet des Heilers, Arztes, Psychologen die Ursache meiner Schmerzen. Ich machte Ayurveda, Yoga und Feldenkrais, die Hoffnung schwand. Nur die Schmerzen nicht. Absoluter Tiefpunkt war eine Homöopathin, die versuchte, mich während einer Attacke mit Globuli zu heilen. Sie schickte mich nach drei Stunden erfolgloser Versuche weg, wütend und mit den Worten: »Sie müssen schon auch mitmachen.« Ich kotzte ihr zum Dank in ihr Blumenbeet und fuhr mit dem Taxi zur nächsten Notaufnahme.
Die Wahrheit ist: Migräne ist eine physische Krankheit, sehr wahrscheinlich genetisch. Es gibt Trigger, aber jeder Patient hat seine eigenen, psychischer oder physischer Art. In meinem Fall heißt das: Ich kann Schokolade essen. Aber keine rohen Zwiebeln. Ich kann relativ viel Aufregung aushalten. Nur Langeweile nicht. Aber bis man an den Arzt gerät, der einem das erklärt, vergehen oft Jahre.

Man kann in den Phasen der wiederkehrenden Schmerzen, des ständigen Sich-Übergebens und der anhaltenden Existenzangst – denn Schmerzzeit ist fehlende Arbeitszeit – sowieso nicht immer bei klarem Verstand bleiben. Meine drastischste Fehlentscheidung war die, mich auf den OP-Tisch zu legen: Ein HNO-Chirurg empfahl mir die Operation der Nasen-nebenhöhlen wegen meiner chronischen Sinusitis. Mit ihr, so sein Versprechen, wäre auch der Kopfschmerz weg. Man kann sich vorstellen, wie ein sensibler Kopf auf eine faustgroße Wunde reagiert. Mit Migräne, zwei Monate lang, jeden Tag.
Ich möchte mir lieber nicht ausrechnen, wie viele Wochen meines Lebens ich an den Schmerz verloren habe. Wenn Schmerzen zum Teil des Lebens werden, dann trennen sie einen von anderen Menschen. Wie soll man ihnen erklären, dass das Aspirin, das sie einem anbieten, wenn man ganz grün im Gesicht ist vor Schmerz, völlig sinnlos ist? Sie können sich Mi­gräne nicht vorstellen. Und sie können nichts dafür.
Eine Art Karriere habe ich komischerweise trotzdem hinbekommen. Nicht gerade linear, sondern mit vielen Stationen und Pausen. Wahrscheinlich war das meine Therapie: Sobald es mir besser ging, schnell aufholen, schreiben, schreiben, schreiben!
Mein Wendepunkt war ein zweiwöchiger Aufenthalt in der Schmerzklinik in Kiel, der Zauberberg der Kopfschmerzkranken. Neben der medikamentösen Therapie lernt man dort das Essenzielle: Meditation. Regelmäßige Bewegung, Schlaf- und Wachzeiten. Viel Wasser trinken. Man erfährt, wie sich der eigene Körper mental beeinflussen lässt. Und man begreift vor allem: dass man keine Schuld an seinen Schmerzen trägt.
Eine befreiende Erkenntnis. »Sie müssen Migräne sehen wie Ihre Wohnung«, sagte mir Professor Hartmut Göbel, der Chefarzt der Klinik. »Man putzt sie, man räumt sie auf, und immer wenn man denkt, man sei fertig, fängt man wieder von vorne an. Und manchmal schafft man es eben nicht, und dann ist sie unaufgeräumt. Aber das ist kein Grund, dann ganz mit dem Aufräumen aufzuhören!« Genau so muss man das, finde ich, sehen: Man kann schon ab und zu mal die Kon­trolle verlieren, eine Party feiern – aber muss dann eben mit den chao­tischen Konsequenzen leben.
Wäre ich Personalchef, würde ich übrigens nach Migränikern suchen. Sie schaffen immer das Doppelte in der halben Zeit. Ganz einfach, weil sie nie wissen, ob sie morgen mit einem Dolch im Kopf aufwachen oder nicht. Und sobald der Schmerz weg ist, holen sie auf wie die Wahnsinnigen. Das können alle meiner Auftraggeber und Arbeitgeber bestätigen: Eine Deadline habe ich noch nie wegen Migräne versäumt.
Deswegen an dieser Stelle: Danke, meine liebe Migräne. Ich weiß, dass ich dich nicht besiegen kann. Aber du hast mich und meine Träume nur stärker gemacht.