Interview

Ein Indianer kennt seinen Schmerz

In Deutschland weiß jedes Kind: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Leider ist das in Wahrheit großer Blödsinn. Wir haben jemanden befragt, der trotzdem darüber lachen kann: Gregg Deal, vom Stamm der Paiute

Interview

Das unendliche Leid der amerikanischen Ureinwohner. Ein Gespräch mit dem Aktivisten Gregg Deal

Text: Felix Zeltner | Fotos: Roderick Aichinger

Herr Deal, darf man Sie guten Gewissens »Indianer« nennen?
Na ja, das ist ein Begriff, der einiges über die Kolonialisten verrät. Als sie hierher kamen, hatten sie keinen Nerv, uns auseinanderzuhalten und warfen uns alle in einen Topf. Wenn das Bildungs­system in den USA funktionieren würde, wüssten die Leute zumindest heute den Unterschied zwischen einem Navaho, Paiute, Hopi, Chippewa, Mohawk … Allein in den USA gibt es 567 von der Regierung anerkannte Stämme, dazu 100 nicht anerkannte. Ich bin Paiute, Nord-Paiute. Wir selbst nennen uns Numu.

Dann spreche ich Sie lieber als Numu an.
Gern! Aber so, wie Amerikaner mit indigenen Völkern umgehen, mache ich mir keine Hoffnung, dass sich das durchsetzt. Die meisten hier haben selbst »Paiute« nie gehört. Dabei lebt mein Stamm in Nevada und auch in Kalifornien, Oregon, Utah.

Wo sind Sie aufgewachsen?
In Park City, Utah, einem Ort mit drei Skiresorts und dem Sundance Film Festival. Die Stadt ist reich. Aber meine Eltern – mein Vater weiß, meine Mutter Paiute – hatten kein Geld. Wir lebten in Sozialwohnungen, neben den Mexikanern. Ich habe mich immer als Paiute gefühlt. In der Schule wurde ich ein paarmal verprügelt und man hat mich als »Prärienigger« beschimpft – aber ich hab’s überlebt.

Ein Indianer kennt keinen Schmerz?
Indianer kennen Schmerzen wahrscheinlich besser als die meisten anderen Menschen.

Das Sprichwort gibt es seltsamerweise nur in der deutschen Sprache. Es geht auf Karl May zurück.
Karl … wer?

May. In Deutschland verkauften sich seine Abenteuerromane 100 Millionen Mal. Kennen Sie nicht den Apachen-Häuptling Winnetou? Und seinen weißen Blutsbruder Old Shatterhand?
Nein, aber es erinnert mich an die hier bekannte Geschichte von Lone Ranger und Tonto. Der Indianer und der Weiße. Es muss immer einen Weißen geben. Weil sich der Rest der Welt angeblich nicht mit einem Indianer identifizieren kann. Ähnlich wie im Film »Der mit dem Wolf tanzt« – Kevin Costner als großer weißer Retter, im Hintergrund Indianer. Auch in »The Revenant«, einem im Übrigen fantastischen Film, ist es der Weiße, der leidet.

»Der mit dem Wolf tanzt« wurde für seine getreue Darstellung der Ureinwohner gelobt. Würden Sie Ihren Kindern sagen: Seht euch den Film mal an, da könnt ihr was lernen?
Nein. Erstens geht es da um die Lakota, also nur um ein Volk. Der historische Kontext ist nicht stimmig, auch die Sprache nicht immer korrekt. Es ist eben ein Film! Ich würde ihn meinen Kindern in derselben Art zeigen wie Pocahontas: Also gern anschauen lassen, aber danach die Geschichte der echten Pocahontas erzählen. Und die war leider keine amazonische Schönheit, sie war auch nicht Disney-sexy angezogen. Sie war ein zehnjähriges Mädchen, das in die sexuelle Sklaverei gezwungen und nach England verschifft wurde, wo sie starb.

Ist es trotzdem gut, dass diese Filme existieren?
Disneys »Pocahontas« war wegweisend, weil die Stimmen von Pocahontas und ihrem Vater mit indigenen Schauspielern besetzt wurden. Russell Means sprach den Häuptling, Irene Bedard Pocahontas. Das hatte es zuvor nie gegeben. Aber die Geschichte war reingewaschen und hat nicht annähernd etwas mit dem wirklichen Kontext zu tun. Trotzdem: Meine Tochter, für die es keinerlei Vorbilder von starken indigenen Frauen in der Politik oder Popkultur gibt, hat den Film gesehen und sich damit identifiziert. Das kann ich ihr nicht nehmen.

Federn gelassen: Gregg Deal trägt normalerweise keinen Kopfschmuck. Dieser kommt aus Mexiko. Er gehört zu einer Performance, für die der Künstler ansonsten ein Billig-Kostüm aus China trägt
Mund-Art: in der Maske für »The White Indian«, ein weiteres seiner Werke
Zylinder und Zopf: Das Outfit für die Rolle als »The White Indian« ist zwiegespalten
Sattelfest: Deal fährt Rad durch seinen Wohnort Colorado Springs

Karl Mays Buch »Der Schatz im Silbersee« erschien 1894. Darin heißt es, Indianer würden schon als Kinder an Schmerzen gewöhnt und wären deshalb später quasi immun dagegen. Er nennt den Marterpfahl, Sonnentänze, Tattoos.
Also der stolze Teil in mir will sagen: Klar, wir sind die Stärksten! Aber das ist natürlich Unsinn. Für mich klingt das, worüber der Typ schreibt, nach Vermutungen, die auf romantischen Ideen basieren, die zu Stereotypen wurden. Und letztlich trägt das leider zur Entmenschlichung bei. Es bestärkt den Glauben, Indigene seien keine Menschen. Sie sind entweder superstark oder superschwach. In Wahrheit sind wir, abgesehen von unseren Gesichtszügen, kaum anders als alle anderen.

Sie haben da eine große Tätowierung auf dem Unterarm. Eine schmerzhafte Operation?
Ja, das hat echt wehgetan und fünf Stunden gedauert. Es fühlte sich an, als würde jemand mit einem heißen Messer in deine Haut schneiden. Eigentlich sind Tattoos ja zum Kotzen. Aber ich machte daraus eine Performance, eine Lesung, während die Zahlen gestochen wurden. Es war nicht das erste Mal, dass ich mit physischem oder psychischem Schmerz gearbeitet habe. Schmerz ist Teil meiner Identität, meiner Kunst und dessen, was wir als Ureinwohner durchmachen. Nicht in dem Sinn, wie dieser Karl May darüber schrieb. Der Schmerz steckt in den historischen und autobiografischen Erfahrungen, darin, wie mit dir geredet wird, wie mein Opa und meine Mutter behandelt wurden.

Wenn ich Ihr Tattoo richtig lese, fließt in Ihren Adern zu fünfzehn Zweiunddreißigsteln indigenes Blut. Wie kommen Sie darauf?
Ich weiß, es klingt unglaublich, aber die Zahlen sind amtlich. Meine Blutlinien sind mit Prozentangaben bei der amerikanischen Regierung hinterlegt. Ich gehöre zu den Pyramid Lake Paiute. Um als Ureinwohner anerkannt zu werden, muss man sich qualifizieren – ein staatlich reguliertes System auf Basis von Blut. So etwas gibt es für keine andere Ethnie. Wenn Donald Trump sagt, er will einen Ausweis für Muslime, ist das ein entsetzliches, rassistisches Vorhaben. Aber ethnische Datenbanken sind hier nichts Neues – für uns existieren sie seit Mitte des 18. Jahrhunderts.

Was sagen die Bruchrechnungs-Profis im Detail?
Ich bin ein Achtel Pyramid Lake Paiute, ein Achtel Fort Bidwell Paiute, ein Achtel Te-Moak Western Shoshone und drei Zweiunddreißigstel Washoe, also insgesamt fünfzehn Zweiunddreißigstel Indianer, fast genau halb. Zu siebzehn Zweiunddreißigsteln bin ich Kaukasier, wie man hier sagt. Mein Nachname ist sogar deutsch.

Sie heißen eigentlich Diehl?
Ja, eine andere Schreibweise, das passierte beim Einwandern in Ellis Island. Ich bin deutsch, irisch, englisch. Zu welchen Prozenten? Keine Ahnung.

Das Aufrechnen von Blut-Anteilen klingt nicht gerade modern und aufgeklärt.
Diese Gesetze sind alt. Als man in den 1930er-Jahren in Deutschland diskutierte, wie man das angebliche Judenproblem – ich zitiere – lösen könnte, hat man auch nach Amerika geschaut, weil einige Nazis es vorbildlich fanden, wie man in Amerika nach den Indianerkriegen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts mit den Ureinwohnern umgegangen ist. Damals hatte die US-Regierung beschlossen, die kommende Generation zu zivilisieren. So nannten sie es – und nahmen Indianern ihre Kinder weg, um sie weit entfernt in große staatliche Internate zu stecken, etwa in die Carlisle Indian Industrial School in Pennsylvania. Dort wurden die Kinder gezwungen, sich die Haare abzuschneiden und ihre Sprache abzulegen. Sie mussten christliche Namen annehmen. Sie wurden missbraucht, auch sexuell. Sie wurden umgebracht. Und das ging über Generationen hinweg. In meiner Familie
waren drei Generationen im Internat. Meine Mutter wurde in einem Internat gezeugt. Noch bis in die Nullerjahre gab es diese Einrichtungen. Deswegen muss ich lachen, wenn ich höre, dass Indianer keinen Schmerz kennen sollen. Wir haben so etwas wie ein historisches Trauma. Wir tragen diese Ereignisse mit uns herum, über Generationen hinweg.

Was war der bislang schmerzhafteste Moment in Ihrem Leben?
Mein Vater ist letztes Jahr gestorben. Er hatte Krebs. Aber ich versuche, den Schmerz nicht mit mir herumzutragen.

Sie sind in Park City aufgewachsen, lebten lange in Washinton, D.C., jetzt in Colorado Springs, aber nie in einem Reservat. Warum nicht?
Meine Mutter wollte es nicht. Sie war nie stolz da­rauf, wer sie war, sondern sie empfand Scham. Erst als ich älter wurde, fand ich eine Verbindung zu meiner Familie und meinem Volk. Die Statistik sagt übrigens, dass 70 Prozent der Ureinwohner nicht in Reservaten, sondern in Städten leben und nur gelegentlich in ihre Heimat zurückkehren. Wir nennen sie Stadtindianer.

Ist das nicht ein alter Hippie-Begriff?
In den 60er- und 70er-Jahren wollten alle Hippies lustigerweise Indianer sein. Es war die Zeit der Bürgerrechtsbewegung – aber die Proteste der Ureinwohner wurden kaum beachtet.

Ist es schmerzhaft, indigen zu sein?
Ich bin stolz darauf, wer ich bin und wo ich herkomme. Trotzdem tut manches weh. Ich arbeite zum Beispiel gerade mit dem weltgrößten Museum, dem Smithsonian in Washington, D.C., an einem Kunstprojekt. Drei Dutzend Künstler aus verschiedenen Kulturen sind daran beteiligt. Das Museum hat nun aber ein Komitee, das darauf aufpasst, dass wir keine anstößigen Inhalte ausstellen. Seltsam! Denn letztlich entscheidet eine Gruppe Weißer, ob etwas für die Kulturen, aus denen wir Künstler kommen, beleidigend sein könnte. Zwei Vorhaben wurden bemängelt – eines davon war meins. Das Komitee diskutierte das aber nicht mit mir, sondern ließ mich beim National Museum of the American Indian vorsprechen, als ob die so eine Art Oberhüter für alles Indigene wären. Ich war der einzige Künstler, der seine Arbeit von einem Museum abnicken lassen musste. Und obwohl das Ganze in Washington, D.C., stattfindet, darf ich in meinem Beitrag nun keine Anspielung mehr auf das örtliche Footballteam machen, das eine rassistische Beleidigung in seinem Namen trägt.

Modestatement: Deal hat Stolz (»Pride«), trägt Strickjacke und ein humorvolles Katzen-Shirt
Geht unter die Haut: Das Tattoo zeigt, wie detailliert der Künstler über seine Vorfahren Bescheid wissen muss

Sie meinen die Washington Redskins?
Ja. Im 19. Jahrhundert herrschte in Amerika die Doktrin des »Manifest Destiny«, wonach die USA ein quasi gottgegebenes Recht hätten, nach Westen zu expandieren und sich das Land bis zum Pazifik anzueignen. Die Indianer waren im Weg. Deswegen setzte man Kopfgelder auf sie aus. Die Kopfjäger zogen aus und töteten. Um das Geld zu bekommen, mussten sie eine Trophäe vorweisen – etwa den Skalp, ein Ohr, Gliedmaßen, Genitalien oder wirklich die Haut vom Rücken eines Indianers. Indianerfell, gewissermaßen. Der Begriff »Red­skins« kommt von den blutigen roten Hautstücken, er steht für den Beweis eines getöteten Indianers. Vertreter des Footballteams sagen heute: Aber wir ehren euch doch mit unserem Namen! Wir mögen Indianer, weil sie starke Kämpfer sind! Das ist zynisch. Die populären Indianer-Logos der US-Sportteams entstanden um die Jahrhundertwende, als es noch etwa 250.000 Ureinwohner im Land gab. Sie waren quasi ausgerottet. Stellen Sie sich mal vor, ein deutsches Sportteam hätte die Karikatur eines Juden als Maskottchen. Unvorstellbar.

In Deutschland kommt bald die Neuverfilmung von Winnetou ins Fernsehen.
Spielt ihn ein Indianer?

Nein.
Dann wird es wohl eher ein ethnografischer Zoo. Diese Menschenzoos, wie es sie früher auf Jahrmärkten gab, existieren für amerikanische Ureinwohner fort. Im Fernsehen, im Kino, in der Literatur. Das »Andere« wird ausgestellt und angegafft wie ein Objekt. Dabei wird nichts Wahres gezeigt, sondern die verklärte Idee von Indigenität, wie westliche Romantiker sie sich vorstellen. Dass es moderne, lebende Indianer gibt wie mich, die sich ein Slayer-Konzert ansehen und trotzdem ihre indigene Identität bewahren können, die an zwei Orten gleichzeitig existieren, daran denken sie nicht.

Was ist das größte Missverständnis?
In meiner Performance »The Last American Indian On Earth« nutze ich die falschen Bilder aus, die viele Leute im Kopf haben. Mein Kostüm für diese Performance ist »made in China«. Das teuerste Stück ist der Kopfschmuck. Er steht im Mittelpunkt, denn egal, wo ich damit hinkomme, verstehen alle sofort: Aha, ein amerikanischer Ureinwohner! Dabei gibt es nur etwa zwölf Stämme, die Kopfschmuck tragen. Von 567 in den USA anerkannten. Mein Stamm trägt keinen, Navahos nicht, Mohawks nicht. Trotzdem ist er bis heute das Sinnbild für alles Indianische. Während es im Umgang mit Menschen afrikanischer Abstammung leichte Fortschritte gab, werden wir Indigenen durch die Sprache und Bilder noch immer verletzt. Wir besitzen unser Image nicht, wir existieren eigentlich gar nicht. Es fällt den Leuten sogar schwer zu akzeptieren, dass ich in normalen Klamotten herumlaufe. Das Stereotyp sagt etwas anderes und ist noch das gleiche wie vor 100 Jahren. Inzwischen ist es wie ein Monster – man kann es nicht aufhalten.

Muss so viel Ignoranz nicht auch etwas wehtun?
Es gibt eine Menge Schmerz in Amerika, weil es noch ein junges Land ist. Amerika weiß nicht, wer es ist und woher es kommt. Amerika ist so beschäftigt damit, das größte, beste, reichste und mächtigste Land zu sein, dass es vergessen hat, wie es zustande kam. Amerikaner sind keine schlechten Menschen, weil ihre Vorfahren Sklaven hatten, Kopfgelder auf Indianer ausgesetzt, sie skalpiert und getötet haben. Daran ist nichts mehr zu ändern. Immerhin vermitteln sie diese Dinge den nachwachsenden Generationen, damit es nie wieder dazu kommt. Der Schmerz, unter dem Amerikaner leiden, ist die Ungewissheit. Sie wissen nicht, wer sie sind.

Und bei Ihnen ist das anders?
Ja. Es ist ein Vorteil, sich mit seiner Identität zu beschäftigen. Andere Indigene tun das auch. Das ist einer der Gründe, warum es zurzeit eine aufstrebende indianische Kulturszene gibt, mit Künstlern aus allen Bereichen. Ich glaube, dieses Land braucht eine Menge Heilung.