Ratespiel

Erkennen Sie den Grönemeyer?

Dietrich Grönemeyer, der Arzt, und Herbert Grönemeyer, der Sänger. Bei Rückenschmerz und Liebesleid stehen die ungleichen Brüder den Deutschen zur Seite

Die Gebrüder Grönemeyer

Eine Analyse ihres Gesamtwerkes - verbunden mit einem kleinen Ratespiel: Von welchem Bruder stammt welches Zitat?

Text: Paula Lambert | Ratespiel: Christian Gottwalt

Die Stimmung einer Nation drückt sich häufig in dem Liedgut aus, das die Spitzen der Charts erklimmt, fast so, als brauche man ein Sprachrohr, welches verkündet, wie es um die Befindlichkeit bestellt ist. Die Stimmung der Deutschen reicht von frohgemut-ausgelassen (»Atemlos durch die Nacht«, Helene Fischer) bis sentimental-wehmütig (»Hello«, Adele), und es reicht ein Blick auf die Hitparade, um zu wissen, dass man in diesem Jahr doch besser auf Mallorca Urlaub machen sollte (»Geh doch zu Hause, du alte Scheiße« ist dort immer noch der Burner) oder in den USA (»Sorry«, Justin Bieber). Während Helene Fischers Werk eher das zünftig-gesellige Temperament der Deutschen unterstreicht, gibt es niemanden, der ihre Neigung zur Schwermut so sehr auf den Punkt bringt wie Herbert Grönemeyer. Wenn dieses Land Schmerzen hat, ist Grönemeyer zur Stelle. Und zwar, das ist das Schöne da­ran, egal welcher.
Es gibt nämlich zwei Grönemeyers. Der eine, Herbert, ist Sänger und Schauspieler und verarztet die Seele. Der andere, Dietrich, ist Radiologe und Bestsellerautor und kümmert sich als eine Art Onkel Doktor der Nation um den Körper. Wo der eine ein Mikrofon hat, macht der andere in Mikrotherapie. Die besondere Fähigkeit beider ist es, mit Schmerztherapie gleich welcher Form sofort die Gipfel zu stürmen. Es ist, wie man sagt: Jedes Land bekommt die Künstler, die es braucht.
Gewiss muss man sich fragen, wie es kommt, dass zwei Jungen aus dem beschaulichen Örtchen Clausthal-Zellerfeld sich hauptberuflich mit den Qualen des Menschseins auseinandersetzen. Gibt es Orte, an denen quasi endogenetisch die Empfindsamkeit für das Leid auf die Kinder übertragen wird? Auf den ersten Blick wirkt Clausthal-Zellerfeld doch recht harmlos mit seinen wonnigen Hügeln und dem vielen Grün, es ist die Art Städtchen, über das man sagt: »Dörte, dort sollten wir mal Urlaub machen«. Wirft man dann einen Blick auf die Homepage, tun sich andere Möglichkeiten auf.

Über den wöchentlichen Markt heißt es dort: »Auch für die musikalische Unterhaltung ist gesorgt. Die Marktbetreiber organisieren jede Woche einen anderen Künstler – mal eine traditionelle Trachtengruppe mit Gesang und Peitschenknallen, mal Musik, die gute Laune verbreitet, oder regionale Sänger, die ihr Publikum erfreuen.« Derart zünftige Beschallung hinterlässt gewiss Spuren, möglicherweise auch körperliche, denn mit knallenden Peitschen ist nicht zu spaßen. Vielleicht ist es auch ganz offensichtlich. Ein »Mensch zu sein« – eine Fragestellung, mit der sich beide Brüder intensiv in ihrem Schaffen auseinandersetzen – bedeutet eben auch, den Schmerzen der eigenen Existenz mutig zu begegnen, seien es Rückenschmerzen oder Liebesleid. Und was könnte in der Konsequenz belohnender sein, als den Mitmenschen Linderung und Erleichterung zu schenken?

Einen seiner größten Erfolge, das Lied »Mensch«, veröffentlichte Herbert Grönemeyer nach dem Tod seiner geliebten Frau Anna. Es ist ein Werk, das Trauernden Hoffnung und die Kraft gibt, hinter der kältesten Kälte doch noch auf einen Sonnenstrahl zu hoffen. Es ist ein zutiefst therapeutisches Lied, das in der Lage ist, auf gebrochene Herzen eine Spur frischen Kitt zu setzen. Nur vermeintlich widersprüchlich mutet da Dietrichs Werk an. Wenn er sagt: »Doch der Mensch ist keine Maschine und Heilung keine ›Reparatur‹. Vertrauen, Empathie, Information – das muss der Dreiklang sein«, so bedeutet das nur, dass ohne Seele rein gar nichts geht. Das wiederum ist eine Botschaft, die man in der Schule nicht lernt und auch nicht im Fußballverein. Man könnte sagen, dass die Grönemeyers das emotionale Rückgrat sind, das uns in dunklen Stunden Orientierung gibt. »Statt Zuwendung eine Tablette, statt menschlicher Anteilnahme eine Maschine, statt Seelsorge Sterbehilfe?«, fragt Dietrich Grönemeyer noch, und man möchte rufen: »Nein, natürlich nicht! Wir wissen ja spätestens seit ›Alkohol‹, das alles Projektion ist!«

Das Leben ist ein Balanceakt auf dem Drahtseil, und manchmal kann man gar nicht anders, als runterzufallen. Und wenn wir fallen, ist einer von den Grönemeyers da, um uns aufzufangen, entweder mit einem Song oder einem MRT. Im Grunde bleibt sich das gleich, auch wenn Herbert in seinem legendären stern-Interview mit Roger Willemsen einst bekannte: »Die Farben werden nie wieder so aufgehen, wie sie mal aufgegangen sind.« Aber das war kurz nach dem Tod der Ehefrau, als der Schock noch tief saß. Inzwischen hat Herbert Grönemeyer die Liebe wiedergefunden, auch das gibt Hoffnung. Der ältere Bruder Dietrich ist im Vergleich natürlich weniger glutvoll, sondern eher ein realistischer Charakter. Aber es braucht ja immer einen, der auch im schlimmsten Sturm nüchtern bleibt. »Liebevolle Zuwendung auf Augenhöhe, Respekt vor der Würde des Menschen, Selbstverantwortung, Hilfe zur Selbsthilfe«, verspricht er und meint damit natürlich nichts anderes als sein Bruder, der eben poetischer veranlagt ist, wie so viele Zweitgeborene.

Wenn man das ganze Leben amateurphilosophisch betrachtet, ist ein gesunder Rücken da nicht Zeichen für eine aufrechte, gesunde Seele? Und ist nicht gerade das Mikroinvasive einer medizinischen Therapie Ausdruck des respektvollen Umgangs mit dem Menschsein an sich, das in seiner Verletzlichkeit die zarteste aller Behandlungen verdient? Während der jüngere Bruder schon 1983 mit »Gemischte Gefühle« in die Tiefen der Existenz hinabstieg, brauchte der Bruder bis 2004, um in einem Buch festzustellen, dass »Mensch bleiben« (so der Titel) einfach ein Gebot der Stunde sein muss. Das ist natürlich eine schwierige Aufgabe. Was bedeutet es genau, Mensch zu sein? Und warum braucht man erst Flugzeuge im Bauch, um festzustellen, dass man sich auf dem Holzweg befindet? Das Buch war natürlich die direkte medizinische Antwort auf das musikalische Meisterwerk »Mensch« von 2002. Das künstlerische Zwiegespräch der Brüder als Korsett, in dem man sich gesichert bewegen kann. Auf das 2007 publizierte Album »12« antwortet Dietrich Grönemeyer mit »Die neuen Abenteuer des kleinen Medicus«, auf das 2011er »Schiffsverkehr« mit »Grönemeyers Gesundheitstipps für die Tasche« (und die Schiffsreise, so scheint es). Dem komplexen »Dauernd Jetzt« stellt er »Der kleine Medicus – Bodynauten auf geheimer Mission im Körper« zur Seite. Dazwischen, vielleicht um Herberts immer länger währende Schaffenspausen zu überdecken, viele Werke, die Rücken und Innereien stärken sollen.
Nicht auszudenken, in welchem Zustand das Land wäre, wenn wir uns stattdessen auf Lieder von Helene Fischer und Moderationstexte von Florian Silbereisen stützen müssten. Wir wären sehr schnell atemlos, und zwar nicht auf die fröhliche Art, sondern auf jene, aus der die Schwindsucht spricht. Klingt deprimierend? Nicht doch. Ein Bandscheibenvorfall wäre schlimmer. Fragen Sie mal den Dietrich.

Auflösung

1: von Dietrich, 2: von Herbert, 3: von Herbert, 4: von Dietrich, 5: von Dietrich, 6: von Herbert, 7: von Dietrich, 8: von Herbert, 9: von Dietrich, 10: von Dietrich, 11: von Herbert, 12: von Herbert. Zitate aus den Büchern »Arzt mit Herz und Seele«, »Dein Herz« und der Webseite von Dietrich Grönemeyer sowie aus den Liedern »Muskeln«, »Zur Nacht«, »Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht«, »Flüsternde Zeit« und »Verflucht, es tut mir weh« von Herbert Grönemeyer.