Schmerzprotokolle

Ich bin das Leid

Wir haben Schauspieler gebeten, ihren ganzen Schmerz in ein Gesicht zu packen

Große Gefühle sind ihr Beruf

Neun Schauspieler spielen den Schmerz

1

Bruno Eyron

Schmerz spielen? Erst dachte ich mir: Machen wir eine kleine Therapie und schreien mal den anstrengenden Tag weg. Das war aber überspielt. Danach machte ich dieses Gesicht hier, eine schmerzhafte Behauptung.
Im Gegensatz zu vielen Kollegen glaube ich nicht, dass man beim Schauspiel ein anderer wird. Das ist Quatsch. Man ist nur der eine, der man ist. Einen Schmerz zu spielen ist total persönlich. In einer Szene bin ich mal angeschossen worden. Da hab ich mir einen Strumpf ums Knie geknotet. Der leichte Druck reicht, um dich beim Spielen an die Schusswunde zu erinnern. Ich selbst kenne das Reizdarmsyndrom, hatte mal eine Infektion, bei der ich die Finger nicht bewegen konnte und chronische Schmerzen in der Wirbelsäule. Aber der schlimmste Schmerz war der Tod meines Hundes Kaya. Alles tat
mir weh, drei, vier Monate lang.

Bruno Eyron, 51, wurde bekannt als Hauptkommissar Balko bei RTL. Seit 2009 arbeitet er in Italien, aktuell dreht er die Serie »Il bello delle donne« mit Claudia Cardinale.

2

Nele Kiper

Ich finde es einfacher, seelischen Schmerz darzustellen. Mich berührt es mehr, jemanden zu sehen, der gegen das Weinen ankämpft, als ihn wirklich weinen zu sehen. Die Quelle des Schmerzes auf dem Bild hier ist sehr persönlich, ein Verlustschmerz aus der Familie. Bei einem Dreh ist es anstrengend, wenn es länger dauert und man das Schmerzlevel halten soll. Man muss wirklich haushalten mit den Emotionen, was nicht immer gelingt. Einmal spielte ich eine Kinderärztin, die ihre Nichte operieren musste und dabei Angst hatte, das Kind zu verlieren. Einen ganzen Tag lang bin ich nicht aus der Rolle gekommen. In den Drehpausen saß ich allein in einem Nebenraum und habe geheult. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste das heute spielen, wo ich selbst ein Kind habe! Bei körperlichen Schmerzen kann ich jetzt natürlich an die Geburt denken, ein archaischer Akt.

Nele Kiper, 33, ist Film- und Theaterschauspielerin. Spielte in dem Film »Nicht mein Tag« von Peter Thorwarth mit und ist in der ARD-Reihe »Hotel Heidelberg« zu sehen.

3

Steffen Wink

Ich habe mir verschiedene Schmerzen vorgestellt. Ein Wespenstich war dabei und ein Schlag auf den Musikanten­knochen. Die Erinnerung daran kann ich ganz gut hervorholen. Im ersten Moment ist der Schmerz stark, doch dann lässt er nach. Schmerz geht ja so in Wellen durch den Körper. Du merkst: Ah, es tut mir noch saumäßig weh, aber es wird langsam besser. Dann kommt die Entspannung. Aber der Schmerz ist noch eine Minute später im Gesicht zu sehen. Wenn man reduzierten Schmerz spielen will, muss man einfach gedanklich weitergehen in der Zeitachse. Mein schlimmster Schmerz? Mit dem Gleitschirm bin ich einmal – baff! – gegen einen Felsen geflogen. »Hämatom am rechten Hodensack auf Apfel­sinengröße angeschwollen«, hat der Arzt später geschrieben. Ich bin wochenlang die Treppe hoch wie eine Oma.

Steffen Wink, 49, startete als Partner von »Schimanski«. Spielte in »Bin ich schön« von Doris Dörrie mit und in »Les Misérables« an der Seite von Gérard Depardieu und John Malkovich.

4

Götz Otto

Gespielter Schmerz kommt natürlich aus der eigenen Erfahrung. Was man im Gesicht total sieht, ist Migräne. Ich hatte selbst früher starke Migräneanfälle. Diesen Schmerz ranzuholen und mich daran zu erinnern, das habe ich hier vor der Kamera gemacht. Das ist also reiner Migräneschmerz. Seelische Schmerzen im Gesicht auszudrücken finde ich wirklich schwer. Gerade für einen Mann – wahrscheinlich auch, weil immer noch das Paradigma gilt, dass ein Mann seinen Schmerz nicht zeigt, zumindest nicht den seelischen. Wenn man gerade in den Arm geschossen wurde, dann kann man das durchaus zeigen. Es gibt auch Unterschiede, wie der Schmerz beim Publikum ankommt: Wenn alles gut läuft, freut sich der Zuschauer über den Schmerz eines Bösewichts, was er beim Schmerz der Identifikationsfigur nicht tut.

Götz Otto, 48, wirkte unter anderem mit in »Der Untergang« und »Cloud Atlas«. International bekannt wurde er als Bösewicht im James-Bond-Film »Der Morgen stirbt nie«.

5

Kathrin von Steinburg

Was, wie ich finde, allem Schmerz zu eigen ist: er ist sehr körperlich. Auch der psychische. Wenn dir psychischer Schmerz widerfährt, in Form von Trauer zum Beispiel, geht das direkt in deinen Körper. Dir wird schlecht, dein Nacken verspannt sich. Da hat jeder Mensch seine eigenen Schwachstellen. Bei großem psychischem Schmerz fühlt es sich für mich an, als hätte ich eine heftige Erschütterung erlebt oder mich jemand gegen eine Wand gestoßen. Eine Wucht, die mich ergreift. Schmerz zu spielen grenzt für mich an Hochleistungssport. Ich versuche, den Körper danach bewusst zu entkrampfen, um nicht darin stecken zu bleiben. Wie beim echten Schmerz bin ich auch beim gespielten hinterher erschöpft. Besonders auf der Bühne, da muss ein Schmerz sichtbar und somit größer sein als bei einer Nahaufnahme vor der Kamera.

Kathrin von Steinburg, gehört zum Ensemble des Münchner Volkstheaters. Tragende Rollen im Kinofilm »Shoppen« (2006) und der BR-Serie »Franzi«.

6

Stefanie von Poser

Ich arbeite oft mit einer Technik, bei der ich meinen Schauspielpartner gedanklich durch eine reale Person ersetze. Wenn mich zum Beispiel in einer Rolle ein Mann verlässt, substituiere ich den Spielpartner zum Beispiel durch meinen verstorbenen Opa. Da ist die Emotion sofort da. Oft denkt man als Schauspieler ja: Oh, jetzt muss man zeigen, dass man traurig oder im Schmerz ist. Aber ein Mensch im Alltagsleben will das ja meistens gar nicht zeigen. Das heißt, du musst einen Schmerz spielen, ihn aber gleichzeitig überdecken wollen. Ein körperlicher Schmerz ist anders, er funktioniert eher über die Atmung und die Körperspannung. Ich hab mal eine Frau gespielt, die im Mittelalter lebt und Zwillinge bekommt. Da hält man die Luft an und drückt alles zu. Und dann schreit man es raus. Ich dachte dabei: Krass! Jetzt platzt mir gleich der Kopf! Ich kann nicht mehr!

Stefanie von Poser, 37, war kürzlich in »Alles inklusive« von Doris Dörrie im Kino zu sehen und spielt seit 2009 in der ZDF-Serie »Die Bergretter«.

7

Frederik Mayet

Es gibt so viele Menschen, die wirklich echten Schmerz erleiden und täglich damit umgehen müssen. Verglichen mit denen bleibt man als Schauspieler immer ziemlich klein. Beim Spiel denke ich daran, wie es ist, jemanden zu verlieren. Manchmal gelingt das gut, dann ist man sehr nah dran am Schmerz, manchmal ist es einfach oberflächlicher. Ich glaube, bei Schauspielern, die immer vollständig in die Situation hineingehen und das hundertprozentig durchleben, schlägt das irgendwann auf die Psyche. Da ist es ganz gut, wenn man den Schmerz auch technisch herstellen kann. Ich habe 50-mal die Passion Christi gespielt, die ist natürlich ein einziger Schmerz. Die schlimmste Szene war für mich die am Ölberg. Die Verzweiflung, das Verlassensein und die Angst zu spüren. Dem Schicksal ins Auge zu blicken und zu erkennen, was da jetzt auf einen zukommt.

Frederik Mayet, 35, ist Künstlerischer Leiter am Münchner Volkstheater und Laienschauspieler. Bei den Passionsspielen von Oberammergau spielte er den Jesus.

8

Detlef Bothe

Selber mag ich den positiven Schmerz. Einen, der wieder nachlässt, wie beim Training, wenn die Schmerzgrenze erreicht ist, oder auch gerne Zahnschmerz. Das Schmerznachlassen ist ausschlaggebend. Ein Schmerz, der nachlässt, ist ein guter Schmerz. Dabei lässt sich Negatives abschütteln. Sich selbst zu geißeln hat offenbar etwas Entlastendes, Beruhigendes, wird aber von der Umgebung unter Umständen als krank abgetan. Über die unangenehmen Schmerzen möchte ich jetzt lieber nichts sagen – sonst werden die noch aktiviert, die Baustellen in mir. Ich versuche, sie zu ignorieren. Wie Liebesschmerzen. Die Hölle, wenn man sich drauf einlässt, aber immer noch positiv, weil sie einen weiterziehen. Aber über meine wirklichen tiefen Schmerzen würde ich hier oder in der Öffentlichkeit niemals ein Wort verlieren, denn Schmerz ist privat.

Detlef Bothe, 50, ist Schauspieler, Regisseur und Filmproduzent (»b-Filme«). 2015 wurde er international bekannt als Bösewicht im James-Bond-Film »Spectre«.

9

Genoveva Mayer

Wenn ich Schmerz spiele, dann intuitiv. Ich nehme einen seelischen Grundschmerz und versuche, dazu ver­schiedene Haltungen zu entwickeln. Ein und derselbe Schmerz kann ja verschiedene Reaktionen auslösen. Schmerz ist immer noch ein Tabuthema und wird es auch bleiben, genau wie der Tod. Bei jeder Rolle muss man sich bewusst sein, wo der Schmerzpunkt dieser Figur liegt. Was ist das Trauma in dieser einen Biografie? Es geht um die Verletzlichkeit der Figur, auch wenn die dann gar nicht zu sehen ist. Ich habe mal in einem Kammerspiel eine Argentinierin gespielt, die ihren Liebhaber verloren hat und sich am Ende selbst umbringt. Das war so ein hingebungsvoller Schmerz. Ich finde, wenn sich Schmerz mit Hingabe vermischt, bekommt er Größe. Es ist eine Ehre, so einen Schmerz spielen zu dürfen.

Genoveva Mayer, 33, spielte in »Kokowääh« von Til Schweiger mit und in »Q and A« von Hans Steinbichler. Sie ist öfters zu sehen in der BR-Serie »Dahoam is Dahoam«.