Auto-Diebstahl

Geklaut, Gesucht, Gefunden!

Von der Nobelkarosse bis zum Traktor – gestohlene Fahrzeuge, die irgendwo auf dem Globus wieder auftauchen, kommen zur Allianz nach Berlin.

Reportage

Die Heimkehrer

Manche kommen in Einzelteilen, manche schwer beschädigt. Und doch lohnt es sich fast immer, gestohlene Fahrzeuge im Ausland aufzuspüren und zurück zu holen. So lassen sich die Prämien für alle Versicherungsnehmer gering halten.

Der grüne John Deere-Traktor steht neben einem silberfarbenen BMW, die Betonpumpe von Putzmeister neben einem japanischen Kleinwagen, der weiße Münsterland-Wohnwagen wurde in einer Reihe von VW-Bussen abgestellt. Bunter gemischt kann ein Fuhrpark nicht sein. Und dennoch haben diese Fahrzeuge eines gemeinsam: Sie sind ihren Besitzern gestohlen worden, um später irgendwo in Osteuropa, Italien oder einem noch ferneren Land wieder aufzutauchen. 

Selbst aus dem westafrikanischen Ghana wurde schon ein Audi A6 zurückgeholt.

Selbst aus Ghana kam schon ein Audi
Nun steht die Flotte im Süden Berlins auf einem Hof und wartet darauf, versteigert zu werden. Direkt gegenüber hat die Allianz eine große Halle mit schwerem Rolltor angemietet, in der die Luxusmodelle untergebracht sind: ein BMW X5, ein Porsche Panamera, ein knallroter Ferrari. Jedes einzelne Fahrzeug gehört nach der Entschädigungszahlung aus der Kaskoversicherung an die einstiegen Eigentümer der Allianz. Jedes Jahr werden in Berlin etwa 300 Fahrzeuge verkauft, wie der Chefsachverständige in Berlin, Andreas Grimm, erklärt. Hauptrückführungsländer sind Polen, Estland, Lettland, Litauen, Tschechien und die Slowakei, aber auch Italien und Spanien. Selbst aus dem westafrikanischen Ghana wurde schon ein Audi A6 zurückgeholt.

„Oft dauert es Monate“
Bevor die gestohlenen Fahrzeuge ihren weiten Weg nach Deutschland antreten können, gilt es, einen Behördenmarathon zu absolvieren. Vollmachten, Eigentumserklärungen und andere notariell beglaubigte Dokumente in der jeweiligen Landesprache gehen an die Behörden vor Ort. »Oft dauert es Monate, bevor ein Auto aufgeladen werden kann«, sagt Katja Lehmann. Sie ist bei der Allianz zuständig für die Organisation der Rückführungen. Lehmann: »Überall müssen andere Vorschriften erfüllt werden, jede Freigabe läuft anders.« Zurück in Deutschland, beginnt die Arbeit erst richtig, doch der Aufwand lohnt sich. Die Fahrzeuge, die oft zerlegt, in Teilen oder mit Unfallschäden eintreffen, müssen begutachtet, auf ihre Verkehrssicherheit überprüft und meist noch in der Werkstatt repariert werden. Lackschäden und andere Schönheitsfehler werden nicht ausgebessert. Eiserne Regel der Allianz ist aber, dass kein Fahrzeug in den Verkauf geht, bevor die Sicherungstechnik nicht zu hundert Prozent funktioniert, so der Leitende Oberingenieur. Meist muss dazu eine neue Wegfahrsperre eingebaut oder die komplette elektronische Anlage ausgetauscht werden. Der Einsatz lohnt sich.

Kein Fahrzeug geht in den Verkauf, bevor die Sicherungstechnik nicht zu hundert Prozent funktioniert.

Schon 8000 verkaufte Autos
Das Verhältnis zwischen Aufwand und Erlös liegt bei 10 zu 90, sagt Grimm, was vor allem den Kunden der Allianz zugute kommt. »Mit jedem Auto, das wir zurückführen und verkaufen, wird die Prämie für die Versicherungsnehmer günstiger«, sagt Grimm. Insgesamt hat die Allianz seit 1993 etwa 8000 gestohlene Fahrzeuge über die Verwertstelle in Berlin verkauft – eine stolze Zahl. Seit Anfang der 90er Jahre wird die Rückholung mit eigenen Mitarbeitern und Sachverständigen betrieben, was mit der damaligen Explosion der Diebstähle zu tun hat: 1990 lag die Zahl gestohlener Fahrzeuge bundesweit bei 40.000, nach der Öffnung der Grenzen zu Osteuropa erreichte sie 1993 mit 105.000 ihren historischen Höchststand.
Gestoppt wurde der Trend durch den Einsatz moderner Sicherungstechnik, betont Arnulf Thiemel vom ADAC. »Seither verläuft die Entwicklung positiv«, so der Experte für Fahrzeugtechnik.

Mit jedem Auto, das wir zurück- führen, wird die Prämie für die Versicherungsnehmer günstiger.

Das Allianz Zentrum für Technik war maßgeblich daran beteiligt, dass ab 1995 jedes neue Auto mit einer Wegfahrsperre ausgerüstet wurde. Ein Erfolg. 2010 wurden bundesweit rund 19.500 Autos gestohlen, die Allianz war dabei mit knapp 4300 Fahrzeugen betroffen. Beliebt bei den professionellen Diebesbanden, die sich oft auf bestimmte Modelle spezialisiert haben, sind vor allem die deutschen Fabrikate: VW, Mercedes, BMW, Audi, Porsche. Die gestohlenen Autos werden im Ausland verkauft, oft an normale Kunden in Autohäusern, die aus allen Wolken fallen, wenn bei der Inspektion über den Abgleich der Fahrzeugnummer auffliegt, dass der Wagen gestohlen wurde. »Sie sind genauso wie unsere Kunden die Leidtragenden der ganzen Geschichte«, sagt Lehmann.

Vergaser für Osteuropa
Die älteren Modelle werden meist ausgeschlachtet. Die Einzelteile, vom Vergaser über Lenkräder und Airbags, werden dann auf Märkten in Osteuropa verkauft. Die aufgefundenen Wracks, die auch zurückgeholt werden müssen, können meist nur noch verschrottet werden. Die intakten Fahrzeuge, ob Traktor, Wohnwagen oder Ferrari, werden verkauft. Abgewickelt wird das Geschäft ausschließlich über eine Händlerplattform im Internet: Wer am meisten bietet, bekommt den Zuschlag. »Jeder Euro«, so Grimm, »senkt unsere Schadensbilanz«.