Windkraft

Im Sturm erobert

In der Lüneburger Heide treibt die Allianz die Energiewende voran. Da braucht es Techniker und Experten, die besser schwindelfrei sind – Leute wie Oliver Jacobsen und Helge Schmietendorf.

Porträt

Die Zwei vom Windpark Suderbruch

Mit den Hightech-Windmühlen in Suderbruch können bis zu 10.000 Haushalte mit Strom versorgt werden. Sascha Oliver Jacobsen und Helge Schmietendorf sorgen dafür, dass sie sich zuverlässig drehen.

Der Wind bläst mit Stärke drei, vielleicht auch vier. Tendenz weiter steigend. Am Himmel verlieren sich ein paar Wolken, aber die Sonne setzt sich durch. Gut, dass es der Regen über Husum noch nicht bis hier raus nach Suderbruch geschafft hat. „Heute Nachmittag könnte es ungemütlich werden“, sagt Helge Schmietendorf. Der Projektleiter im Windpark Suderbruch mitten in der Lüneburger Heide mahnt zur Eile.

Die Zentrale in Husum meldete eine Störung, die Rotoren von Turm vier stehen still. Der erfahrene Servicemann Sascha Oliver Jacobsen hat die Lage bereits sondiert. Die Diagnose: ein Thyristor, ein elektronisches Bauteil in der Anlagensteuerung, ist ausgefallen. Ein Team der technischen Betriebsführung ist schon oben im Maschinenhaus. Jacobsen und Schmietendorf, mit Ösen und Karabinern ausgestattet wie Bergsteiger, werden ihm folgen.

Jeder Schritt muss sitzen
Einen zweistelligen Millionenbetrag hat die Allianz investiert, um den Windpark Suderbruch im März dieses Jahres zu übernehmen. Acht Hightech-Windmühlen hat die Windkraft Nord AG in der Lüneburger Heide errichtet, eindrucksvolle Giganten von 105 Meter Höhe. Die fünf Tonnen schweren Rotoren mit einem Aktionsradius von 90 Metern sorgen dafür, dass die rohe Kraft des Windes nicht sinnlos waltet, sondern in Energie umgewandelt wird. 16 Megawatt beträgt die Kapazität der gesamten Anlage, womit sich mehr als 10.000 Haushalte mit Strom versorgen lassen. Wenn sich alle Rotoren drehen.

500 Sprossen, vier Zwischendecks und vier Minuten später hat der Lift sein Ziel erreicht. Jeder Schritt muss sitzen, wenn man sich zwischen Transformator, Generator, Kupplung, Getriebe und Nabe in Position bringen und die Luke am anderen Ende erreichen will. Wer sie öffnet, sieht die Welt von oben. Der Blick reicht bis zum Horizont, über satte Wiesen, Wälder und Felder. Ein fantastisches Panorama. Und in sicherer Entfernung steht der nächste Turm, dessen Rotoren sich träge, aber gleichmäßig drehen.

VIEL ENERGIE, WENIG EMISSIONEN


Im Windpark Suderbruch erzeugen acht Zwei-Megawatt- Anlagen vom Typ »Vestas V90 Gridstreamer« umweltfreundlichen Strom. 2011 produzierte Deutschland insgesamt 50,7 Mrd. kWh Windenergie – und vermied damit 36,1 Mio. Tonnen an CO2-Emissionen.
Hightech, Mensch und Wetter ergeben keine perfekte Symbiose, aber man arrangiert sich so gut es geht.

Phasen, in denen es ungemütlich werden kann
Jacobsen und Schmietendorf haben keine Zeit, den Anblick aus der 105 Meter hohen Perspektive eines amtlich registrierten Luftfahrthindernisses zu genießen.

Routiniert machen sie sich mit zwei Karabinerhaken an den Metallösen fest und steigen hinauf aufs Deck des Maschinenhauses. Die Herren sind klinisch schwindelfrei. Vom angekündigten Gewitter ist nichts zu sehen. „Gut, dass es einigermaßen windstill ist“, sagt Jacobsen. Er kennt das anders. Das Wetter hält sich nicht an Arbeitspläne. Er war schon hier oben bei orkanartigen Winden, Phasen, in den es ziemlich ungemütlich werden kann.

Mehr Energie als die alten Leitungen vertragen
Hightech, Mensch und Wetter ergeben keine perfekte Symbiose, aber man arrangiert sich so gut es geht. Jacobsen und seine Kollegen sind schließlich keine Windmacher, eher Windfänger mit Hilfe gigantischer Technik. Und diese Technik folgt im Gegensatz zum Wind klaren Regeln. Bläst der Wind langsamer als drei Meter pro Sekunde, schalten die Anlagen automatisch ab. Pfeift der Wind mit mehr als 25 Meter pro Sekunde über die Lüneburger Heide, was ungefähr 87 km/h betrifft, wird aus Sicherheitsgründen abgeschaltet. „Eine Vorsichtsmaßnahme, um eine Überhitzung zu vermeiden“, sagt Jacobsen. Am meisten aber leidet ein Projektleiter wie Schmietendorf, wenn der Wind so richtig bläst und er die Anlage drosseln muss. Er könnte dann in Suderbruch mehr Energie erzeugen, als die meist alten Überlandleitungen zum Transport vertragen. „Der Netzausbau“, klagt er, „hinkt der Leistungsfähigkeit unserer Anlagen immer noch hinterher.“

Der Fehler ist behoben. Der Lift bewegt sich langsam aber sicher nach unten. Wieder fester Boden unter den Füßen. Der Wind bläst mit Stärke drei, vielleicht auch vier. „Ein ganz normaler Tag“, sagt Jacobsen und lächelt. Man hört den Singsang der Rotoren, die sich im Wind drehen. Turm vier arbeitet. Der frische Brise aus dem Norden sorgt wieder für neue Energie.

Bei orkanartigen Winden fühlst du dich da oben in 105 Meter Höhe wie auf einem Schiff in Seenot.

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