Uwe Seeler

Stürmer auch im Ruhestand

Auf dem Platz wurde er für seine Kopfballtore und Fallrückzieher geliebt. Jenseits des grünen Rasens schätzte man seine Integrität und Bodenständigkeit. Uwe Seeler bleibt auch im Alter bescheiden, hält den Ball aber nun flacher.

Interview

»Knackwurst esse ich immer noch total gerne«

Er ist der beliebteste deutsche Fußballer aller Zeiten, Wirtschaftswunder-Protagonist und der einzige Sportler, der durch seinen Spitznamen zu einem nationalen Gemeinschafts-Eigentum wurde. »Uns Uwe«, Uwe Seeler, einer der besten Offensivspieler, die Deutschland je hatte, ist heute 75 Jahre alt. Uns gewährte er tiefe Einblicke in Seele und Speiseplan.

Herr Seeler, viele Biografien beginnen mit »Mein«. »Mein Leben«, »Mein Erfolg«, … Der Titel Ihrer Biografie beginnt mit »Danke«. Danke wofür?

Oh, ich habe viele Gründe, dankbar zu sein. Der Titel »Danke, Fußball« bezieht sich vor allem darauf, dass ich durch den Profisport so viel erleben durfte nach dem Krieg, in einer Zeit also, in der viele ja überhaupt nichts hatten. Dass ich über den Sport die ganze Welt kennen lernen konnte – das hätten meine Eltern nie finanzieren können. Aber dankbar bin ich auch für meine Familie, dafür, dass ich ein wunderbares Elternhaus hatte und dass es mir mit 75 noch so gut geht.

Die Taubheit auf dem rechten Ohr merke ich jeden Tag.

Sind Sie 75 Jahre alt oder 75 Jahre jung?

Jung! Und wäre der Verkehrsunfall 2010 nicht gewesen, würde ich mich noch jünger fühlen.

Im Juli 2010 rast ein Auto vor dem Hamburger Elbtunnel ins Heck des Wagens, in dem auch Seeler sitzt. Er erleidet Verletzungen der Halswirbelsäule und erhält ein Implantat, um Lähmungen zu vermeiden. Zudem verliert er auf dem rechten Ohr das Gehör und leidet seither unter Gleichgewichtsproblemen.

Hängt Ihr Unfall Ihnen noch nach?

Das wird er immer tun. Allein die Taubheit auf dem rechten Ohr merke ich jeden Tag. Wenn mich jemand in einem größeren Raum ruft, fällt mir die Ortung schwer, und die Bewegung ist auch eingeschränkt. Aber das sind Dinge, die man nicht ändern kann und mit denen man leben muss.

Ist Ihr Motto eher die »Lust des Alters« statt der »Last des Alterns«?

Man kann sicher nicht sagen, dass Altern an sich schön sei. Aber man sollte das Positive sehen. Ich freue mich zum Beispiel jeden Morgen, wenn ich aufwache.

Und wie gut kommen Sie aus dem Bett, wo knackt und zwickt es am meisten?

Beim Schuhe binden. Wenn ich mir vorstelle, wie schnell das früher ging und wie lange ich heute brauche, weil der Rücken nicht mehr so will. Aber es geht leichter, wenn man drüber lacht.

Und was können Sie nicht mehr?

Golf spielen zum Beispiel. Denn dazu fehlen mir die Beweglichkeit und der Gleichgewichtssinn. Oder Tennis spielen, das fehlt mir sehr, gerade weil ich vom Sport komme und immer Sport gemacht habe. Das ist natürlich etwas unangenehm.

»Etwas unangenehm« – das ist schon der Seeler’sche Superlativ, wenn er sich ärgert. Ausfallend wird er nie. Die norddeutsche Disziplin und die Professionalität, die Seeler als Fußballer auszeichneten, bewahrt er sich auch im Alter: Auf die Minute pünktlich ist er zum Interview in seinem Hamburger Lieblingshotel »Engel« erschienen. An der Rezeption hängt ein signiertes Schwarz-Weiß-Foto aus seiner aktiven Zeit beim Hamburger SV.

Reden wir über das Thema Gesundheit. Wie halten Sie sich in Form?

Ich mache etwas Gymnastik, aber eher moderat. Ich fahre Rad, ich gehe viel spazieren – aber wie gesagt: nur noch das, was geht.

Beim Schuhe binden brauche ich heute länger als früher.
Googeln? Den Stress mit der neuen Technik erspare ich mir.

Wie sieht es aus mit gesunder Ernährung?

Da haben wir einen Vorteil des Alters: dass ich darauf heute nicht mehr so wie früher achten muss. Damals hieß es immer, dies oder jenes sollst du nicht essen, es ist schlecht für Sportler. Heute mache ich es einfach und trinke auch mal ein Pils oder zwei, wenn ich Lust habe. Allerdings merke ich: Im Alter isst man nicht mehr so viel. Früher hab ich die größten Steaks verdrückt und gerne auch mehr als eines – heute suche ich mir auf der Karte das kleinste raus und bin trotzdem satt.

Und Knackwurst? Die war früher Ihre Leibspeise.

Genau, Bratwurst oder Knackwust. Die esse ich immer noch total gerne. Früher wollte ich ja sogar mal Schlachter werden, so gerne wie ich Wurst mochte. Das haben mir meine Eltern allerdings ganz schnell wieder ausgeredet.

Wie sieht es aus mit Fitness für den Geist?

Kreuzworträtsel mache ich, aber nur so lange, bis ich nicht mehr weiter weiß. Die suchen heute teilweise ja ganz komische Wörter. Dann frag ich vielleicht nochmal meine Familie oder meinen Manager, den Werner – zu mehr fehlt mir der Ehrgeiz.

Sie könnten den Begriff googeln!

Ach, das mach ich nicht. Den Stress mit der neuen Technik erspare ich mir. Ich hab auch nur ein ganz einfaches Telefon, das tagsüber sogar meist ausgeschaltet ist.

Ist Ihr Alltag stressig?

Ich neige immer noch dazu, zu viel zu machen – meine Familie bremst mich zum Glück regelmäßig ein: Denn das einzige, was man sich im Alter nicht mehr antun sollte, ist Hektik.

Ein Aufruf zu mehr Muße?

Ja, aber in Maßen: Das Verkehrteste ist es, sich zu Hause in den Sessel zu setzen und vor sich hin zu grübeln. Eine halbe Stunde dösen ist wunderbar – aber danach muss die Post auch wieder abgehen.

Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, alt zu werden?

Das war 1965 nach meinem Achillessehnenriss. Ich habe irgendwann gemerkt, dass beides nicht mehr geht – Beruf und Sport. Die jungen Spieler haben bis 10, 11 Uhr ausgeschlafen, ich hab während meiner ganzen Karriere nebenbei gearbeitet, bin morgens aus dem Haus gegangen und oft direkt nach dem letzten Termin von der Autobahn zum Training gekommen …

… weil Sie im Vertrieb für Adidas in ganz Niedersachsen unterwegs waren …

Genau, ich saß 60.000 bis 80.000 Kilometer pro Jahr im Auto. Die Laufschuhe hatte ich immer dabei. Aber irgendwann kannst du das nicht mehr mit Hochleistungssport verbinden. Der Beruf ging immer vor, denn von meinen 1250 D-Mark brutto Fußballer-gehalt konnte ich nicht leben. Daher war dann 1972 Schluss mit dem Sport: Lieber ein Jahr früher aufhören, als ein Jahr zu spät.

Von meinen 1250 D-Mark brutto konnte ich nicht leben.
Die größten Söhne Hamburgs: Uns Uwe, Helmut Schmidt und Udo Lindenberg.

So ganz vom Sport konnte er jedoch nicht lassen und gründete schon ein Jahr später die Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft. über 50 ehemalige National- und Bundesligaspieler wie Wolfgang Overath, Klaus Fischer und Karlheinz Förster haben seither mehr als 700 Benefizspiele gespielt. Sein zweites Großprojekt nach der Karriere war die Uwe-Seeler-Stiftung: Seit 1996 setzt sie sich für Menschen ein, die unverschuldet in Not geraten.

Herr Seeler, um Gutes zu tun, braucht man keine eigene Stiftung. Wieso haben Sie im Alter von 60 Jahren noch eine gegründet?

Ich habe schon in meiner Jugend für wohl-tätige Zwecke gespielt und früh gesehen, dass das Geld nicht immer dort landet, wo es ankommen sollte. Als ich dann Zeit hatte, habe ich meine eigene Stiftung gegründet.

Was für Projekte fördern Sie?

Es gibt ein paar große Engagements, aber mir ist wichtig, auch im Kleinen zu helfen. Sie glauben gar nicht, mit wie wenig man viel bewegen kann – allein, wenn Sie einsamen alten Menschen mit ein paar hundert Euro glückliche Weihnachten bescheren. Wertvoll finde ich auch Projekte für behinderte Sportler, weil die nicht nur Großartiges leisten, sondern mit ihrem Sport vielen Behinderten, die sich schon aufgegeben haben, neuen Lebensmut geben. Ich habe durch die Stiftung auch viel über das Leben gelernt und darüber, wie gut es uns geht.

Franz Beckenbauer hat einmal gesagt: »Wenn einer in die Nähe des perfekten Menschen kommt, dann Uwe Seeler.« Fragt man in Hamburg Taxifahrer, wer die größten Söhne der Stadt seien, hört man oft: »Uns Uwe, der Helmut Schmidt und Udo Lindenberg.« Auch die Politik hat Seeler mehrfach ausgezeichnet: Als erster Fußballer erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz und die Hamburger Ehrenbürgerschaft.

Herr Seeler, was würden Sie im Rückblick im Leben anders machen?

Gar nichts! Ich bin zufrieden. Ich hätte ja mehr verdienen können, es gab ja Angebote aus dem Ausland, vor allem 1961 von Inter Mailand. Ich sehe den Manager noch heute vor mir, völlig verständnislos, weil er nicht begreifen konnte, wie ein Mensch so viel Geld ausschlägt. Aber Geld war mir nie wichtig: Meine Zeit kann man mit Geld nicht aufwiegen.

1,2 Millionen hat Mailand Ihnen damals geboten …

Mehr sogar – heute kann ich das ja sagen. Und ich hab dem nie nachgetrauert.

Gut angelegt wären das heute etwa 3,5 Millionen Euro. Schon mal drüber nachgedacht?

Nie, denn ich habe auch so immer ganz gut gelebt. Und wissen Sie was (lacht): Wenn der Kühlschrank mal leer war, hab ich meinen Manager angerufen, und der hat mir was zu essen rübergeschickt. Ich brauche keinen Prunk. Es war der schwerere Weg – keine Frage. Aber selbst wenn ich noch zwei, drei oder zehn Millionen mehr bekommen hätte, ich würde es im Nachhinein nicht anders machen. Mehr als ein Steak kannst du sowieso nicht essen, hat mein Vater immer gesagt.

Ihr Geld hat immer Ihre Frau verwaltet, oder?

Ja, immer schon. Und bisher bin ich sehr gut damit gefahren.

Stimmt es, dass Sie von ihr heute noch Taschengeld bekommen?

Das ist so. Aber der Vorteil ist, dass ich selbst festlege, wie hoch das Taschengeld ist.

Herr Seeler, zum Schluss: Welche großen Ziele haben Sie noch?

Noch einige Jahre glücklich und gesund mit meiner Familie zu verbringen und so lange ich es kann, noch selbständig unterwegs zu sein. Das ist ein großes Geschenk, das wird mir immer bewusst, wenn ich Bilder sehe der 1958er-WM-Mannschaft oder der Meisterelf des HSV von 1960. Davon sind einige nicht mehr bei uns. Und auch mir kann jeden Tag etwas passieren, das ist mir schon bewusst.

Machen Sie sich Sorgen?

Nein, das wäre vertane Zeit. Wir können das alles nicht bestimmen und wir wissen auch nicht, wann es passiert. Und das ist auch gut so.

Mehr als ein Steak kannst du sowieso nicht essen, hat mein Vater immer gesagt.