Auf Umwegen zum Ziel
Gerlinde Kaltenbrunner bricht im Sommer 2011 zum wiederholten Male auf, den K2 zu bezwingen. Frühere Versuche über die Normalroute, den Abruzzengrat, scheiterten mehrmals aufgrund des Wetters. Außerdem musste sie 2010 mit ansehen, wie ihr damaliger Bergkamerad Fredrik Ericsson auf der Höhe von 8330 Metern abstürzte. Sie wählt deshalb diesmal die wenig begangene, technisch anspruchsvolle Nordflanke.
Camp 1 auf 5300 Metern
Aufgrund heftigen Neuschnees müssen Gerlinde Kaltenbrunner und ihre fünf Begleiter eine Pause einlegen. Lawinen- und Schneebrettgefahr drohen. Gerlindes Ehemann Ralf Dujmovits ist die Sache zu heikel. Er und ein weiterer Kollege kehren um.
Was ist ein Hochlager?
Da der Weg vom Basislager bis zum Gipfel aufgrund der Länge sowie der notwendigen Akklimatisierung nicht an einem Tag zu meistern ist, befinden sich auf der Route kleinere Zeltlager, sog. Hochlager. Vor dem eigentlichen Gipfelanstieg werden sie vorab in Etappen von den Bergsteigern errichtet.
Camp 2 auf 6600 Metern
Starker Wind und Schneefall machen den Anstieg schwierig. Als das vierköpfige Team auf der Höhe ankommt, muss eine neue Plattform zum Lagern geschaufelt werden. Über das zuvor deponierte Funkgerät nimmt Gerlinde Kontakt mit Ehemann Ralf auf.
Camp 3 auf 7250 Metern
Völlig ausgekühlt erreichen die Bergsteiger das Camp. Endlich wird das Wetter besser. Der Windsturm legt sich und hat strecken-
weise den Neuschnee verblasen. Das Team kommt gut voran, die Stimmung hebt sich.
Die „Todeszone“
Ab einer Höhe von ca. 7500 Metern, in der sog. „Todeszone”, herrschen extreme Kälte, hohe Windgeschwindigkeiten und der Sauerstoffgehalt beträgt nur noch ein Drittel der normalen Atemluft. Selbst Nichtstun würde zum Abbau von Muskel-
masse, Gehirnzellen und Energie führen. Der Organismus gibt auf, ein längerer Aufenthalt (max. 48 Stunden!) ist unmöglich.
Camp 4 auf 7950 Metern
Auf dem Weg zum Gipfel kommen Gerlinde Kaltenbrunner und ihre drei Mitstreiter im hüfthohen Schnee kaum voran. Jeder Meter muss Schritt für Schritt mühsam erkämpft werden. In 8300 Meter Höhe in 50 Grad steilem Gelände verbringen sie eine kurze Nacht.
Kaltenbrunners Gipfelsturm
Am 23. August 2011 erreicht Gerlinde Kaltenbrunner den Gipfel des K2. Damit ist sie die dritte Frau der Welt, die auf alle
14 Achttausender geklettert ist – und die erste, die das ohne Flaschensauerstoff geschafft hat.

Bergsteigen

Wie Gerlinde Kaltenbrunner den K2 eroberte

Scrollen,
um den Aufstieg
zu beginnen

Infografik

Schwindelerregende Fakten über die 14 Achttausender

  • Sortieren nach:
  • 8027
    Shisha-
    panagma
  • 8034
    Gasher-
    brumm II
  • 8051
    Broad Peak
  • 8080
    Hidden Peak
  • 8091
    Anna-
    purna I
  • 8125
    Nanga Parbat
  • 8163
    Manaslu
  • 8167
    Dhaula-
    giri
  • 8188
    Cho Oyu
  • 8485
    Makalu
  • 8516
    Lhotse
  • 8586
    Kang-
    chend-
    zönga
  • 8611
    K2
  • 8848
    Mount Everest
Stand Oktober 2012

Gerlinde Kaltenbrunner

Die Königin der Todeszone

Als erste Frau hat Gerlinde Kaltenbrunner alle 14 Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen. Sie ging an ihre Grenzen und erlitt schwere Rückschläge. Eine Geschichte über Lebenspläne, kalkuliertes Risiko und den Traum von neuen Gipfeln.

Der Aufstieg, der Gerlinde Kaltenbrunners Leben verändern sollte, beginnt mit strahlendem Sonnenschein. Es ist der 13. Mai 2007, ein Samstag, als sie den 8167 Meter hohen Dhaulagiri, den sechshöchsten Gipfel im Himalaja besteigen will. Es soll ihr zehnter Achttausender werden. Unterwegs ist sie mit ihren drei spanischen Freunden. Gegen Nachmittag erreichen die vier das Lager II, auf 6650 Meter Höhe. Es ist eiskalt, plötzlich kommt Sturm auf.

Unter Schneemassen begraben. Ich dachte einen Moment lang, jetzt ist alles vorbei.

Gegen neun Uhr löst sich ein Schneebrett und reißt Kaltenbrunners Zelt 25 Meter in die Tiefe. Die Österreicherin wird unter den Schneemassen begraben. »Ich habe gedacht, jetzt ist alles vorbei. Es ist mir wie eine Ewigkeit vorgekommen, bis ich mich nach etwa einer Stunde endlich befreit hatte." Kaltenbrunner hatte enormes Glück. Eine kleine Blase gab ihr genügend Luft zum Atmen und Bewegen, um sich Stück für Stück durch die Schneemassen arbeiten zu können. Ihre beiden spanischen Kollegen Santiago Sagaste und Ricardo Valencio überlebten das Unglück nicht. "Es war ein Alptraum. Ich habe unentwegt geschrien und zusammen mit Javi nach unseren Freunden geschaufelt, obwohl ich wusste, dass sie tot sind."

Der Drang, Grenzen zu überwinden
Die frühere Krankenschwester brauchte lange, um diese Tragödie zu verarbeiten. Immer wieder dachte sie darüber nach, warum sie überlebt hat und ihre Freunde sterben mussten. Heute fällt es ihr leichter, über diese Erlebnisse zu berichten. Angst vor dem Tod hat sie ohnehin nicht mehr. Und wenn sie klettert, denkt sie über die möglichen Gefahren und Risiken nicht nach. "Ich habe dem Tod viel zu oft ins Auge gesehen", sagt sie. Die Geschichte von Gerlinde Kaltenbrunner ist eine Geschichte von der großen Leidenschaft für die Berge und dem Drang, Grenzen zu überwinden. Als einzige Höhenbergsteigerin der Welt hat sie in den vergangenen 17 Jahren alle 14 Achttausender ohne Hilfe von künstlichem Sauerstoff erklommen. Eine kaum vorstellbare Leistung. Das gelingt nur, wenn man eine außergewöhnliche körperliche wie mentale Disziplin besitzt und sich mit den Risiken im Vorfeld akribisch auseinandersetzt.

Kaltenbrunner hat alles davon im Überfluss, schlicht deshalb, weil das Besteigen großer Berge ihr Leben ist. "Ganz tief zufrieden bin ich, wenn ich auf dem Berg bin. Es ist so kraftvoll, die Natur zu spüren und das auch aus eigener Kraft zu schaffen. Das sind unbeschreibliche Erlebnisse", erklärt die Extremsportlerin. Bis an die Grenze zu trainieren, um das Unvorstellbare zu erreichen, das treibt die Kaltenbrunner Tag für Tag an. Sie bewegt sich fortwährend am Limit und begibt sich seit 18 Jahren in extreme Situationen, in denen man die Gefahr nie ganz ausschalten kann. "Niemand zwingt uns, es ist unser Traum und wir wissen, dass immer etwas passieren kann."

Es ist so kraftvoll, die Natur zu spüren und das auch aus eigener Kraft zu schaffen.
Es gab viele Situationen, wo ich umgedreht bin, weil mir mein Gefühl sagte, dass es sehr gefährlich werden könnte.

„Ich horche oft auf mein Bauchgefühl“
Zwei Monate nach dem Drama im Himalaja bricht sie wieder auf in die Berge, in den Karakorum nach Pakistan, weil sie das Gefühl vollkommener Hilflosigkeit nicht loslässt. "Ich musste das genau so machen, denn erst dort konnte ich den Unfall akzeptieren, dort in den großen Bergen, wo ich mich am wohlsten fühle. Es ist passiert. Ich hab es dann so stehen lassen können, hatte aber monatelang noch einen Kontrolltick, ob mein Zelt auch richtig befestigt ist." Diese Grenzerfahrung hat sie geprägt. "Man wird vorsichtiger im Umgang mit dem Risiko und der Gefahr, obwohl ich immer schon eine eher vorsichtige Bergsteigerin gewesen bin." Und noch ein Erfolgsrezept hat sie. "Das Andere", wie sie es mittlerweile voller Leidenschaft bezeichnet, "das Urvertrauen! Das hat man oder man hat es nicht. Ich horche ganz oft auf mein Bauchgefühl. Es hat mich bisher noch nicht im Stich gelassen. So gab es viele Situationen, wo ich umgedreht bin, weil mir mein Gefühl sagte, dass es sehr gefährlich werden könnte."

Diese starke Charaktereigenschaft erklärt unter anderem, warum sie für die Besteigung des sagenumwobenen K2 so viele Anläufe nehmen musste. Der 8611 Meter hohe Gigant zwischen Pakistan und China hat sie immer wieder zum Umkehren gezwungen. Die Wetterlage war häufig unsicher, Schneestürme, Lawinengefahr, Blankeis, das Risiko wäre schlicht zu groß gewesen. Bei ihrem sechsten Besteigungsversuch 2010 aber ist alles anders. In jenem Jahr hatte sie sich erneut vorgenommen, den für sie letzten der 14 Achttausender der Welt zu besteigen. Dieser Traum endet für Kaltenbrunner jedoch dramatisch.

1000 Meter in den Tod
Am 6. August 2010 stürzt ihr Begleiter und guter Freund, der Schwede Fredrik Ericsson, auf etwa 8300 Höhenmetern ab. Sie steht nur wenige Meter entfernt am Eishang, schaut in diesem Moment nicht zu ihm hoch, es herrscht dichter Nebel, als ihr vertrauter Kollege plötzlich vor ihren Augen 1000 Meter tief in den Tod stürzt. Sie schreit, steht wie angefroren da und klammert sich an ihren Steileisgeräten fest. Steigt sofort ab und denkt, sie könne ihn noch retten. Sie will es nicht wahrhaben. "Zum ersten Mal war ich an einem Punkt angelangt", erinnert sie sich, "an dem ich nicht mehr wusste, ob ich jemals in die Berge zurückkehren werde."

Die Bilder des Unglücks und der Tragödie laufen Monate lang immer und immer wieder vor ihren Augen ab. Sie ist geschockt, traumatisiert, traurig. Zu Hause kann sie es nicht verarbeiten und so macht sie sich zwei Monate später erneut auf den Weg und steht tatsächlich wieder auf dem Gipfel eines Berges, auf der Carstensz-Pyramide, dem höchsten Berg Ozeaniens. Kaum zu begreifen für Außenstehende, für Kaltenbrunner schlicht nicht anders möglich. Wer bis an die Grenze seines Könnens geht, erlebt Grenzerfahrungen und möchte lernen, damit umzugehen. Zart und stark zugleich wirkt die beste Höhenbergsteigerin der Welt, die glasklare Gedanken aus diesen Schicksalsschlägen zieht.

Zum ersten Mal war ich an einem Punkt, an dem ich nicht mehr wusste, ob ich jemals in die Berge zurückkehren werde.
Nun möchte ich mich auf schöne Sechs- und Siebentausender konzentrieren. Auf abgelegene, noch nie begangene Routen.

Tränen fließen, das Panorama ist wunderschön
Ihre Erfahrungen am Berg haben diese feinsinnige Frau in all den Jahren sicher körperlich und mental noch stärker gemacht, ihr aber auch jene auffallend starke Ruhe mitgegeben. Im vergangenen Jahr ist ihr Lebenstraum schließlich perfekt. Sie erreicht den Gipfel des K2, ihren letzten Achttausender, am frühen Abend des 23. August 2011. Um 18 Uhr 18. Tränen fließen, das Panorama ist wunderschön. Alles leuchtet im Abendrot. Der K2 war sicher eine ihrer großen Herausforderungen, mit vielen gefährlichen, aber auch intensiven Facetten. Lawinengefahr, anstrengende Spurarbeit, immer wieder schlechte Sicht. Dieser Achttausender ist zwar nicht der höchste, gilt aber als der schwerste. 80 Menschen bezahlten den Versuch mit ihrem Leben. Statistisch kommt damit auf vier erfolgreiche Besteigungen ein Todesfall.

Und wie geht’s nach dieser letzten Herausforderung weiter? "Nun möchte ich mich eher auf schöne Sechs- und Siebentausender konzentrieren. Auf abgelegene, seltene oder noch nie begangene Routen." Den 7861 Meter hohen Nuptse in Nepal hat sie im Mai schon hinter sich gelassen. Der Beginn einer neuen Serie – aber keinesfalls die Suche nach etwas Neuem. Denn Gerlinde Kaltenbrunner sucht nicht mehr, sie hat ihr Glück längst gefunden: in den Bergen.