Reportage

Auf Achse

400 Kilometer Deutschland. Eine Abenteuerreise in sieben Akten

Wer von Leipzig nach Hamburg muss, kann mit dem Auto fahren oder mit dem Zug. Flugzeug scheidet aus, denn Direktflüge gibt es nicht. Weitere Verkehrsmittel – Fehlanzeige. Muss Mobilität so fantasielos sein? Warum nicht zu Fuß oder auf dem Pferd? Oder zeitgemäß per Fahrrad, Kanu und Segelflugzeug? Oder, ganz neu: im Fernreisebus und Elektroauto? Wir haben es ausprobiert und sieben Männer und Frauen gebeten, auf sieben Arten von Leipzig nach Hamburg zu reisen. Sie brauchten zwischen dreieinhalb Stunden und 22 Tagen. Sieben Reportagen, zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

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Auf dem Pferd  

Mit dem Fernbus

Zu Fuß

Mit dem Elektroauto

Auf dem Rennrad

Im Kanu

Im Segelflugzeug

Auf dem Pferd

Zickzack zum Ziel

TEXT: MEYKE KALMS

MEYKE KALMS, 42, RITT VON LEIPZIG NACH HAMBURG. IHRE REISEBILANZ: FÜR PFERD UND REITER STELLT OSTDEUTSCHLAND EINE ECHTE HÜRDE DAR

Tag 1 (Donnerstag): 30 Kilometer durch Sachsen

Tief durchatmen. Ich versuche, das nervöse Kribbeln in meinem Bauch zu vertreiben, bevor ich mich in den Sattel schwinge. Sicher, mein Pferd Astrachan ist gut trainiert und als Vollblut der geborene Langstreckenläufer. Aber von Leipzig nach Hamburg, das ist eine andere Nummer als die 30 bis 60 Kilometer langen Distanzritte, auf denen wir sonst unterwegs sind. Mein sechsjähriger Wallach aber scheint weniger besorgt als ich: Er spitzt die Ohren, trabt munter drauf los und meine Anspannung verebbt schon bald im regelmäßigen Takt seiner Hufe auf dem Asphalt ...

Das letzte Stück Weg durch die Lüneburger Heide war so schön, dass ich mit gemischten Gefühlen in Hamburg einreite

... Ich werde diesen Boden schon bald verfluchen, aber in diesem Moment ist alles gut: Die Sonne glitzert, wir haben keine Eile und vor uns liegen nicht nur unzählige Kilometer, sondern auch ein echtes Abenteuer. Tief durchatmen. Ich versuche, das nervöse Kribbeln in meinem Bauch zu vertreiben, bevor ich mich in den Sattel schwinge. Sicher, mein Pferd Astrachan ist gut trainiert und als Vollblut der geborene Langstreckenläufer. Aber von Leipzig nach Hamburg, das ist eine andere Nummer als die 30 bis 60 Kilometer langen Distanzritte, auf denen wir sonst unterwegs sind. Mein sechsjähriger Wallach aber scheint weniger besorgt als ich: Er spitzt die Ohren, trabt munter drauf los und meine Anspannung verebbt schon bald im regelmäßigen Takt seiner Hufe auf dem Asphalt. Ich werde diesen Boden schon bald verfluchen, aber in diesem Moment ist alles gut: Die Sonne glitzert, wir haben keine Eile und vor uns liegen nicht nur unzählige Kilometer, sondern auch ein echtes Abenteuer.

Die Landschaft hier ist von riesigen Feldern geprägt. Das reife Getreide duftet herrlich nussig, bietet jedoch keinerlei Schatten, was zu einem anderen Problem führt: Mücken und Bremsen umschwirren uns in Scharen, fressen uns fast auf. Da hilft auch kein Insektenschutzspray mehr. Mein Pferd peitscht mit dem Schweif und zuckt mit dem Fell, trotzdem ist es bald übersäht von Stichen und Beulen. Mistviecher! Es ist Zeit für eine Pause. Vor einer Dorfkneipe in Wiedemar, direkt an der Grenze zu Sachsen-Anhalt, binde ich Astra an. Es gibt Wasser für mein Pferd, Fassbrause für mich und es dauert keine fünf Minuten, da ist Astra die Sensation im Dorf. Kinder fragen, ob sie ihn mal streichen dürfen. Erwachsene erkundigen sich nach meinem Weg. Als ich erzähle, dass ich nach Hamburg reite, ist das Staunen groß. Pferde sind wie Eisbrecher, man kommt schnell mit den Leuten ins Gespräch. Viele sind hilfsbereit, geben mir Tipps für die Route, empfehlen Höfe zum Übernachten oder schleppen Wasser für Astra herbei

 

 

 

Straßenkarten helfen Reitern kaum weiter. Und Wanderkarten gibt es nicht überall
Bei fast 40 Grad im Schatten ist auch Astra froh über jede Abkühlung

Am Abend erreichen wir Queis, wo mich mein Vater erwartet. Er begleitet unsere Tour mit Jeep und Pferdehänger, weil das sicherer und praktischer ist. Wir treffen uns jeden Abend. Der Hänger ist vollgepackt mit Ersatzsätteln, Beschlagzeug, Heu, Kraftfutter und Klamotten, aber auch mit mobilen Zaunstangen. Sollte ich mal keine Unterkunft finden, könnte ich damit überall eine kleine Weide für Astra abstecken. Außerdem spart uns der Tross beim Reiten Gewicht. Würde man alles mit aufs Pferd nehmen, bräuchte man ein extra Packpferd und es ginge nur langsam voran. Darauf verzichte ich gerne, denn schon so rechne ich mit gut zehn Tagen für die Strecke.

Vor Ort suchen wir nach einer Unterkunft, werden von Hof zu Hof geschickt. Einer ist wegen Feierlichkeiten voll, der nächste hat keine Box frei. Auf einem alten Gutshof in Wiedersdorf finden wir schließlich ein Quartier für die Nacht, es ist fast 20 Uhr. Ich sehne mich nach einer kühlen Dusche, bin müde. Doch erst kommt das Pferd, dann der Reiter. Als Astra gut versorgt in der Box steht, kann auch ich mich entspannen. Am ersten Abend zeigt das GPS 33Kilometer. Na ja, auch der längste Weg beginnt mit kleinen Schritten.

Tag 2 bis 6 (Freitag bis Dienstag): 210 Kilometer durch Sachsen-Anhalt

Der nächste Morgen beginnt wie alle folgenden: mit einer Kontrolle. Ich streiche über Astras Rücken und Beine, suche ihn auf Druckstellen, Verletzungen und Schwellungen ab. Lassen sich die Sehnen klar fühlen? Sitzt der Beschlag ordentlich? Gibt es empfindliche Stellen in der Sattellage? Druckstellen oder dicke Beine würden unser Abenteuer sofort beenden. Im Grunde sind ja nicht die Kilometer die Herausforderung, sondern das Wohlergehen des Pferdes über eine solche Distanz. Doch es ist alles okay und ich kann beruhigt satteln. Bevor wir aufbrechen, führe ich Astra zurück in die Box und beginne zu pfeifen. Er kennt das Kommando und beginnt zu pinkeln. Für lange Ritte ist das wichtig, sonst würde sich das Pferd unterwegs verspannen.

Sachsen-Anhalt stellt uns von Anfang an auf eine harte Probe. Es ist glühend heiß, und noch immer gibt es nur undurchdringliche Felder statt schattiger Wälder. Wie ernten die hier bloß? Zu Hause im Ruhrgebiet führen schmale Wege durch die Felder, hier gibt es kein Durchkommen. Wenn uns kein Feld den Weg versperrt, sind es Zäune oder ICE-Gleisen, auf der Suche nach Übergängen verlieren wir viel Zeit und sammeln unnötige Kilometer. Querfeldein ist hier Fehlanzeige. Am schlimmsten aber ist der Untergrund: die steinharten Plattenwege aus DDR-Zeiten sind anstrengend für Astra und drücken das Tempo. Ich laufe viel oder stelle mich in die Steigbügel, um ihn zu entlasten. Schon nach wenigen Tagen muss ich seine Hufe neu beschlagen, so abgewetzt ist der Hufschutz aus Kunststoff und Metall.

Flach, sandig und mit vielen grünen Wiesen - in Niedersachsen schaffen mein Wallach Astra und ich locker 50 km am Tag
Ich gebe nur die Richtung vor, Astra bestimmt Takt und Tempo

Die nächsten Tage bleiben mühselig: Über das Saaletal, Friedeburg, Oppin und Aschersleben kämpfen wir uns gen Nordwesten. An der Saale erinnert noch vieles an das Hochwasser vor einigen Wochen: totes Korn, stinkende Pfützen, schlammige Wiesen und feuchte Mauern und Ränder dort, wo das Wasser stand. Die Pegelstände überragen sogar mein Pferd. Ich treffe Leute, die ihre Häuser verloren haben und um ihre Existenz kämpfen. Beklemmung kriecht in mir hoch, bin ich doch nur zum Spaß hier. Ich versuche, meine Gedanken auf etwas anders zu konzentrieren. Zum Beispiel brauche ich dringend eine ordentliche Wanderkarte. An Tankstellen, in Wirtschaften und Kiosken frage ich danach, aber offenbar ist die Region touristisch so wenig erschlossen, dass ich nur Kopfschütteln ernte. Das verkompliziert die Sache, immer wieder reite ich ärgerliche Umwege. Langsam nimmt mir Astra das übel. Wann immer wir umkehren müssen, spüre ich den stillen Vorwurf meines Pferdes. Die Hitze und die Mückenplage setzen uns zu, und die unnötigen Kilometer beginnen zu nerven. Obwohl wir immer den ganzen Tag unterwegs sind, kommen wir selten mehr als 30 Kilometer voran.

Am fünften Tag unserer Tour erreichen wir die Magdeburger Börde. „Horrortag“ werde ich am Abend in mein Tagebuch schreiben. Es so schwül und windstill, dass die fast 40 Grad die Luft flimmern lassen. Ich kann die endlosen gelben Felder nicht mehr sehen, Astra schlurft lustlos vor sich hin. Offenbar spürt er meinen Frust. Wieso mache ich das hier eigentlich? So eine bescheuerte Idee! Bei der Hitze! Ich fühle mich wie in einer endlosen Weizenwüste. Irgendwann habe ich nur noch einen Gedanken: Raus hier. Mit verzweifelter Entschlossenheit treibe ich Astra vorwärts, trabend lassen wir die Börde schließlich hinter uns. Endlich! Am Abend in Schwanefeld zeigt das GPS 63 Kilometer – es bleiben die härtesten auf der ganzen Strecke.

Aber es gibt auch Lichtblicke: Bei Halle durchqueren wir ein ehemaliges militärisches Sperrgebiet, das landschaftlich wunderschön ist. Ein anderes Mal habe ich von einem Hügel aus einen atemberaubenden Blick über das Saaletal. Auch die Fahrt über den Fluss ist spannend, weil eine Premiere für Astra. Stocksteif steht er auf der Fähre, schnaubt unsicher. Der Kapitän freut sich über die ungewöhnliche Fracht und lobt die Nervenstärke meines Pferdes: „Als ob der das jeden Tag macht.“ Bei Grasleben passieren wir Schilder, die an die Teilung Deutschlands erinnern. Noch lange denke ich darüber nach. Was mögen die Menschen damals gedacht habe, wenn sie von einem Hügel aus in den Westen sahen?

Tag 7 bis 10 (Mittwoch bis Sonntag): 210 Kilometer durch Niedersachsen

Das Pferdeland Niedersachsen macht seinem Namen alle Ehre. Es ist der siebte Tag unserer Tour, heute geht es von Breitenrode nach Wesendorf. In Rühen überqueren wir den Mittellandkanal, und auf einmal gibt es überall gepflegte Reitställe, sandige Wege und Karten, in denen diese verzeichnet sind.  Es geht voran! Ich muss Astra nicht mehr treiben, sondern bremsen. 40 bis 50 Kilometer am Tag schaffen wir jetzt mühelos, meist traben wir flott durch die zusehends schöner werdende Landschaft. Wiesen wechseln sich mit Äckern und Wäldern ab, es gibt Hügel und viele Seen, in denen wir baden können. Allerdings hält die Gegend auch eine neue Herausforderungen für uns bereit: Moore. Mit angehaltenem Atem reite ich eine knappe Stunde lang auf einem schmalen Weg durch das „Große Moor“ nördlich von Gifhorn. Zwar sieht es nicht so aus, als ob man hier gleich versinken würde. Scheuen wäre wohl trotzdem keine gute Idee.

Unseren Rhythmus haben wir in den letzten Tagen gefunden: Meist brechen wir morgens gegen 11 Uhr auf und sind dann mit Pausen acht oder neun Stunden unterwegs. Astra gibt den Takt vor, ich merke genau, wann er eine Rast braucht. Manchmal erreichen wir erst gegen 19 Uhr irgendein Dorf. Wo wird abends sein werden, wissen wir morgens noch nicht – unser Vorankommen hängt von den Böden, dem Wetter und unserer Tagesform ab. Trotzdem finden wir meist problemlos ein Quartier, überall nimmt man uns freundlich auf. Oft sitzen mein Vater und ich bis spät in die Nacht mit den Gastgebern zusammen und plaudern. Das ist schön, hat aber einen Nachteil: Wir kommen immer weit nach Mitternacht ins Bett. Statt wegen der Hitze im Morgengrauen loszureiten, wird es deshalb doch meist später Vormittag.

Unsere Route führt uns weiter über Eschede, Wietzendorf, Oberhaverbeck und Itzenbüttel bis kurz vor Hamburg. Ich genieße diese Tage, denn die Lüneburger Heide ist ein Paradies für Reiter. Nur die Bremsen werden immer schlimmer: Nachdem mir Astra auf der Flucht vor den Biestern fast durchgeht, packe ich ihn in eine Fliegendecke. Das hilft, sieht aber seltsam aus. Wann immer wir Spaziergänger treffen, sprechen sie mich auf Astras Verhüllung an: „Der sieht doch nichts“, befürchten viele. Ich beruhige sie, Astra kann durch das engmaschige Netz gut sehen. Was wir beide hingegen nicht sehen, ist Hamburg. Obwohl wir auf den Wilseder Berg reiten, der zwar eher ein Hügel, aber trotzdem die höchste Erhebung in der Heide ist. Bei klarem Wetter kann man von hier die Hansestadt sehen, ich aber erspähe nur rabenschwarze Gewitterwolken. Bloß weg hier! Ein flotter Galopp zum nächsten Ort bewahrt uns vor dem Platzregen. Trotz des Wetters: Die Tage in der Heide vergehen wie im Flug, und auf einmal sind wir fast am Ziel.

Fühlt sich Astra wohl, sind 40 bis 50 km am Tag kein Problem

Tag 7 bis 10 (Mittwoch bis Sonntag): 210 Kilometer durch Niedersachsen

Das Pferdeland Niedersachsen macht seinem Namen alle Ehre. Es ist der siebte Tag unserer Tour, heute geht es von Breitenrode nach Wesendorf. In Rühen überqueren wir den Mittellandkanal, und auf einmal gibt es überall gepflegte Reitställe, sandige Wege und Karten, in denen diese verzeichnet sind.  Es geht voran! Ich muss Astra nicht mehr treiben, sondern bremsen. 40 bis 50 Kilometer am Tag schaffen wir jetzt mühelos, meist traben wir flott durch die zusehends schöner werdende Landschaft. Wiesen wechseln sich mit Äckern und Wäldern ab, es gibt Hügel und viele Seen, in denen wir baden können. Allerdings hält die Gegend auch eine neue Herausforderungen für uns bereit: Moore. Mit angehaltenem Atem reite ich eine knappe Stunde lang auf einem schmalen Weg durch das „Große Moor“ nördlich von Gifhorn. Zwar sieht es nicht so aus, als ob man hier gleich versinken würde. Scheuen wäre wohl trotzdem keine gute Idee. 

Unseren Rhythmus haben wir in den letzten Tagen gefunden: Meist brechen wir morgens gegen 11 Uhr auf und sind dann mit Pausen acht oder neun Stunden unterwegs. Astra gibt den Takt vor, ich merke genau, wann er eine Rast braucht. Manchmal erreichen wir erst gegen 19 Uhr irgendein Dorf. Wo wird abends sein werden, wissen wir morgens noch nicht – unser Vorankommen hängt von den Böden, dem Wetter und unserer Tagesform ab. Trotzdem finden wir meist problemlos ein Quartier, überall nimmt man uns freundlich auf. Oft sitzen mein Vater und ich bis spät in die Nacht mit den Gastgebern zusammen und plaudern. Das ist schön, hat aber einen Nachteil: Wir kommen immer weit nach Mitternacht ins Bett. Statt wegen der Hitze im Morgengrauen loszureiten, wird es deshalb doch meist später Vormittag.

Unsere Route führt uns weiter über Eschede, Wietzendorf, Oberhaverbeck und Itzenbüttel bis kurz vor Hamburg. Ich genieße diese Tage, denn die Lüneburger Heide ist ein Paradies für Reiter. Nur die Bremsen werden immer schlimmer: Nachdem mir Astra auf der Flucht vor den Biestern fast durchgeht, packe ich ihn in eine Fliegendecke. Das hilft, sieht aber seltsam aus. Wann immer wir Spaziergänger treffen, sprechen sie mich auf Astras Verhüllung an: „Der sieht doch nichts“, befürchten viele. Ich beruhige sie, Astra kann durch das engmaschige Netz gut sehen. Was wir beide hingegen nicht sehen, ist Hamburg. Obwohl wir auf den Wilseder Berg reiten, der zwar eher ein Hügel, aber trotzdem die höchste Erhebung in der Heide ist. Bei klarem Wetter kann man von hier die Hansestadt sehen, ich aber erspähe nur rabenschwarze Gewitterwolken. Bloß weg hier! Ein flotter Galopp zum nächsten Ort bewahrt uns vor dem Platzregen. Trotz des Wetters: Die Tage in der Heide vergehen wie im Flug, und auf einmal sind wir fast am Ziel.

11. Tag (Montag): 10 Kilometer, Ankunft in Hamburg

Wehmut überkommt mich, als wir am Morgen des elften Tages das Ortschild von Hamburg passieren. Natürlich bin ich stolz und erleichtert, aber unsere Ankunft bedeutet das Ende unseres Abenteuers. Gerade jetzt, wo wir so zusammengewachsen sind. Gerade jetzt, wo wir ewig weiterreiten könnten. Es ist erstaunlich, wie schnell man sich daran gewöhnt, dass der Tag nur vom Stand der Sonne und dem Wetter strukturiert wird, statt von Terminkalendern und Büroalltag. Ich will reiten, reiten, reiten! Auch Astra läuft flockig vorwärts, obwohl er nicht nur mich, sondern auch 450 Kilometer auf dem Buckel hat. Die vielen Umwege und unser Zickzackkurs haben die Route etwas verlängert.

Am Abend blättere ich in meinem Tour-Tagebuch. Deutschland vom Pferderücken aus zu erleben, ist wunderbar. Einerseits ist man oft stundenlang alleine in menschenleeren Gegenden unterwegs. Anderseits kann man mit der Gelassenheit reiten, früher oder später irgendeinen Ort zu erreichen. Zwischen meinem Gekritzel stoße ich auf das Wort „Natursensibilität“. Es stimmt. Wenn man so lange mit dem Pferd unterwegs ist, verändert sich die Wahrnehmung. Man spürt, wenn sich das Wetter ändert. Man riecht den Wald, die wilden Brombeeren, die Erde. Jede Veränderung der Landschaft fällt auf, weil man genug Ruhe und Zeit hat, die Umgebung auf sich wirken zu lassen. Und man knüpft neue Bände zu seinem Pferd. Der Ritt hat Astra und mich zusammengeschweißt. Ich kann seine Zeichen besser deuten, er vertraut mir blind. Während des Rittes ist mein Pferd deutlich fitter und selbstbewusster geworden, wir sind ein eingespieltes Team. Am nächsten Morgen steht die Rückreise nach Essen an. Statt zu satteln, führe ich Astra auf den Hänger. Die 370 Kilometer zurück werden wir auf der Autobahn fahren. Mein Pferd guckt ein bisschen irritiert, ich seufze. Den Weg zurück in die Heimat, den hätten wir jetzt eigentlich auch noch gepackt.

Mit dem Fernbus

Viele neue Leute zum Freundschaftspreis

TEXT: DANIEL ASCHOFF

DANIEL ASCHOFF, 35, WAR MIT EINEM DER NEUEN FERNLINIENBUSSE UNTERWEGS. ER FINDET: EINE ECHTE ALTERNATIVE ZUR BAHN

Bernhard wollte eigentlich nicht nach Berlin. Er wollte nach Zagreb. Woher ich das weiß? Er hats erzählt. Mir, seinem Sitznachbarn, dem Mann daneben und vor allem seinem Handy. Bernhard sitzt in Reihe 2. Ich sitze in Reihe 13, der zweitletzten Reihe des Fernbusses, der mich heute nach Hamburg fahren soll. Trotzdem verstehe ich jedes Wort, das Bernhard von sich gibt. Bereits am Schkeuditzer Kreuz weiß ich, dass sein gestriger Bus, der ihn nach München fahren sollte, eine Panne hatte. „Lichtmaschine im Arsch, da ging nix mehr.“ Den Anschlussbus nach Zagreb hat er dadurch verpasst und deshalb die ganze Nacht am ZOB in München verbracht. „Wie so’n Penner habe ich da gesessen“. Jetzt sitzt er wieder im Bus nach Berlin, um von dort den nächsten Bus nach Zagreb zu erwischen. Was er dort will, erfahre ich erst bei Wörlitz ...

Der Bus von Leipzig nach Hamburg fährt mit 1,5 Stunden Verspätung los.

... Bernhard ist nicht das einzige Ärgernis auf der ersten Fernbus-Tour meines Lebens. Eigentlich ist schon der Anfang der Reise mit dem privaten Omnibusbetreiber „Flixbus“ ziemlich mies. Satte anderthalb Stunden dauert es, bis mein Bus von München kommend am Leipziger Flughafen endlich einfährt, um mich – mit Zwischenstopp in Berlin – nach Hamburg zu bringen. „Vollsperrung auf der A9“, klärt mich Busfahrer Stefan auf, der deshalb die Autobahn verlassen musste und stattdessen über die Dörfer gekurvt ist. Seit sechs Jahren fährt der gebürtige Rumäne und gelernte KFZ-Mechaniker Bus. Eigentlich Schulkinder im mittelfränkischen Katterbach. Eine Zeitlang hat er auch Linienverkehr in Herzogenaurach gemacht. „Da kennst dann jede Oma“, sagt er. Fernbus fahren ist ihm da deutlich lieber. Neulich etwa ist er von Köln nach Nürnberg gefahren und hatte den ganzen Bus voll mit Rock-am-Ring-Anhängern: „Klar, dass da auch die passende Musik im Radio lief.“

Es wird Zeit, einen Sitzplatz zu suchen. Immerhin sind wir schon bei Vockerode durch. Ich taste mich den Gang entlang und erlebe die erste Überraschung: Es sind nun wirklich nicht nur junge Hüpfer hier. Gleich neben Bernhard sitzt beispielsweise Georg, 77 Jahre, Rentner aus Vatterstetten bei München. Gemeinsam mit seiner Frau will er seinen Sohn in Oranienburg besuchen. „Sechs bis sieben Stunden konzentriert Autofahren ist mir zu anstrengend“, sagt er. „Ich könnte mir vorstellen, jetzt häufiger Bus zu fahren.“

Die Bus-Ausstattung ist sauber, ordentlich und gr0ßzügig - nur die Laptop-Ablage ist etwas zu klein ausgefallen.
Busfahrer Stefan lenkt lieber einen Fernbus als im Linienverkehr.

Auch auf mich macht mein Reisemittel einen guten Eindruck. Alles sauber. Alles ordentlich. Die Toilette ist geputzt. Für das Gepäck ist ausreichend Platz. Der Sitz lässt genug Beinfreiheit. Und auch Arbeiten kann man hier anscheinend ganz gut. Okay, die Ablage ist für einen Standard-Laptop eigentlich zu klein und das mehrfach angepriesene WLAN etwas langsam. Aber immerhin: Es klingelt nicht ständig das Telefon, es nervt kein Kollege und auch der Chef steht nicht permanent auf der Matte. 1,5 Stunden kann ich so herrlich Arbeiten – dann gibt der Akku auf und ich muss mir neue Ablenkung suchen. 

Also beschließe ich, meine Mitreisenden kennenzulernen. Außer mir und Bernhard (er erzählt gerade, dass er in Zagreb eigentlich Urlaub auf dem Bauernhof machen wollte und nebenbei ein Haus in Serbien besitzt) sind noch vierzehn weitere Fahrgäste im Bus: Ich freunde mich zunächst mit einer hübschen Japanerin an. Sie heißt Nao, ist 21 Jahre alt und will zum Sightseeing nach Berlin. Zwei Tage, dann geht’s wieder zurück nach Erlangen, wo sie studiert. Ich lerne Karol kennen, einen gebürtigen Polen, der ein Jahr in München geschauspielert hat und jetzt in London „Art and Design“ studiert. Und treffe Benjamin (26), den der Stau wohl am härtesten getroffen hat. Um 17 Uhr beginnt seine mündliche Masterarbeit in Geoinformation an der Hochschule für Technik in Wedding. Doch der Termin ist nicht mehr zu schaffen. „Dabei habe ich neun Monate auf die Prüfung gewartet“, sagt er und schreibt eine SMS an seinen Professor: „Mal schauen, ob die auf mich warten.“

Die Reise mit dem Fernbus ist eine gemütliche Alternative zur Bahn - jede Menge Reisebekanntschaften inklusive.
Am Ziel geht's zu Fuss am Rathaus vorbei.

Als ich gerade etwas einnicken will, steht Bernhard plötzlich vor mir. Irgendwie hat er mitbekommen, dass ich Reporter bin und findet, dass er mir einiges zu erzählen hat. Immerhin erfahre ich so, dass er bereits seit 1969 regelmäßig nach Jugoslawien pendelt. Ursprünglich hat er wohl als Subunternehmer einer Baufirma Arbeiter von dort nach Frankfurt gekarrt und wieder zurückgebracht. Die Firma ging pleite. Deshalb hat er sich dann auf den Transport von Fernsehern, Bohrmaschinen, Kaffee und Videos konzentriert. „Alles am Zoll vorbei“, prahlt er. Ich frage lieber nicht nach.

Es ist 17.02 als wir am ZOB in Berlin, direkt an der Messe ankommen. Zwei Stunden Aufenthalt sind auf 45 Minuten zusammengeschmolzen. Immerhin reicht die Zeit für eine Berliner Weiße mit Schuss in Andy's Diner und Bar. Auf die traditionelle Currywurst verzichte ich. Schließlich hat mich meine Frau genötigt, mindestens einen Apfel und drei Brote mitzunehmen. Ehrlich gesagt, ein guter Vorschlag. Denn der Flixbus nach Hamburg bietet außer Gummibärchen (1 Euro), Bifi Roll (1,50 Euro) und Snickers (1 Euro) nicht wirklich Nahrhaftes. Immerhin ist das Bier günstig (2 Euro). Und wer will, bekommt sogar einen Prosecco (3 Euro),

Als der Bus gerade weiterfahren will, kommen Jaqueline und Malin angelaufen. Schweißüberströmt entern sie den Bus. „Zu spät gestartet“, schnaufen sie. Kurz darauf sitzen beide in der drittletzten Reihe und versinken hinter „Das Leben ist eine Nudel“ und „Ein ganzes halbes Jahr“ auf dem Kindle. Ansonsten ist der Bus nach Hamburg deutlich besser gefüllt als die Linie nach Berlin. Fast jede Reihe ist besetzt. Nur direkt hinter Busfahrer Andreas, ebenfalls ein gelernter KFZ-Mechaniker, ist noch Platz. Andreas macht keinen Hehl daraus, dass ihn die ewige Pendelei zwischen Hamburg und Berlin verdammt nervt. Auch er ist Angestellter eines privaten Busunternehmers, das im Auftrag von Flixbus die Fahrten übernimmt. Früher ist er mit seinem Reisebus bis ans Nordkap oder nach Kroatien gefahren. „Diese Abwechslung fehlt mir bei den aktuellen Touren völlig.“

Auch mir wird allmählich langweilig. Ich denke an Bernhard, der jetzt sicher was zu erzählen hätte, aber vermutlich gerade seiner Frau von der Lichtmaschine erzählt (sie haben sich in Zagreb kennengelernt). Stattdessen schaue ich aus dem Fenster und stelle fest, dass die Landschaft neben der A24 durchaus ihre Reize hat. Als wir gegen halb acht an der Ausfahrt Schwerin vorbeifahren, taucht die Sonne die Kornfelder in eine goldene Matte. Gemütliche Pferdehöfe wechseln sich mit prachtvollen Baumalleen und Ententeichen. Und immer wieder tauchen riesige Windparks am Horizont auf. Halb Mecklenburg-Vorpommern scheint mittlerweile eine Windmühle zu sein.

Wie ist sie nun, die neue Form des Reisens? Auf jeden Fall bequem, unkompliziert und definitiv billiger als das Angebot der Deutschen Bahn. Karol hat gerade mal 29 Euro für seine Fahrt von München nach Berlin bezahlt. Und Rene und Alice, ein Pärchen, mit dem ich zwischendurch mal ein wenig „Mau Mau“ gespielt habe, waren von Berlin nach Hamburg für 8 und 12 Euro dabei. Im ICE ist man für die gleiche Strecke leicht 70 Euro los. Auch WLAN und Komfort überzeugen. Allerdings muss man beim Kundenservice noch Abstriche machen. Vinzenz, ein netter Münchner Abiturient, der nach Berlin zum Studieren ziehen will, erzählte mir, dass er am Vortag mehrfach versucht hatte, sein Ticket umzubuchen. „Ging nicht, deshalb wurden aus 30 jetzt 60 Euro Fahrpreis.“ Das geht noch besser.

Übrigens: Bernhard hat mir am Ende noch seine Telefonnummer aufgeschrieben. Für den Fall, dass ich demnächst auch mal mit ihm eine Bus-Tour nach Zagreb machen möchte. Vielleicht rufe ich ihn in zwei Wochen mal an.

Zu Fuß

Das hier ist kein Marathon. Das ist ein Langzeitprojekt

TEXT: KERSTIN LEPPICH

KERSTIN LEPPICH, 34, WAR MEHR ALS DREI WOCHEN LANG UNTERWEGS. SIE GING ZU FUSS, AN IHRE GRENZEN UND NOCH WEIT DARÜBER HINAUS

Drei Schritte vorwärts, dann ein Sprung links ins Feld. Den Luftsog abwarten und weiter. Die Autos hupen. Erlaubte Geschwindigkeit: 100 Stundenkilometer. Gefühlter Abstand zu mir: 50 Zentimeter. Feld- oder Wanderwege gibt es auf meiner Etappe zwischen Leipzig und Delitzsch kaum. Nicht mal Grünstreifen an den Straßen. Ich laufe links. Für einen Anhalter hält mich so niemand. Höchstens für verrückt. Beim Probewandern im idyllischen Thüringen hat sich noch alles ganz anders angefühlt. Wieso wollte ich diese Tour machen? Experiment, Herausforderung, neue Erfahrung, dachte ich ...

Die Wanderkarten zeigen Wege, wo keine sind! Bei 15 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken tut jeder Kilometer Umweg weh.

... Tag zwei beginnt wie die übrigen 22: Aufstehen, Hotelfrühstück. Möglichst viel futtern. Wer weiß, wann ich den nächsten Bäcker sehe.
15 Kilo auf den Rücken und los. An der ersten Ecke die Karte zücken. Nachsehen. Weitergehen. Immerfort. Aus den Orten hinauszufinden, ist am schwierigsten. Wanderkarten kennen keine Straßennamen und falsche Feldwege bedeuten schmerzhafte Umwege. Gehen, wandern, laufen. Auch mal nach dem Weg fragen, wenn in der ländlichen Weite ein Mensch auftaucht.
»Wanderweg?« Der Alte schaut mich über seine Harke und das Gemüsefeld gebeugt fragend an. In meiner Wanderkarte jedenfalls ist eine dicke grüne Linie eingezeichnet. Noch glaube ich den Karten. »Den Weg gibt’s nicht, gab’s nie und wird’s nie geben.« Taxierender Blick. »Ham se denn keine Angst so alleen?« – »Nö.« Ich habe andere Probleme, hadere mit meiner Karte. »Wenn ich 30 Jahre jünger wär, lägen Sie jetzt schon im Weizen.« Wie bitte? Schnell weg. Dann eben quer über Schienen und Feld, ins nächste Dorf. Später im Wald: Hunderte Mücken um mich, die Profiteure des Hochwassers. Ich bekomme schon Quaddeln, wenn ich sie nur sehe. Hirn aus, alle Kraft in die Beine. Beschleunigung von vier auf sieben km/h.
Wandern – das klingt nach Ruhe, Entspannung und Sinnsuche. Das fände ich auch schön, bringt mich aber nicht in drei Wochen nach Hamburg. Also reiße ich die Kilometer ab, Akkordarbeit mit den Beinen.
Meinen Tiefpunkt erlebe ich an Tag vier. Eine 30-Kilometer-Etappe nach Barby. Ich muss rennen, um die letzte Fähre über die Elbe zu erreichen. Am Ende kostet jeder Schritt Überwindung. Füße, Hände, Rücken schmerzen. Vor Erschöpfung falle ich mit Schüttelfrost ins Bett.
Fünf Tage später der Höhepunkt. Zum ersten Mal kann ich eine Waldstrecke wirklich genießen: die sandige Altmark. Wie aus dem Märchenbuch. Ein Schwimmbad liegt auch auf dem Weg, eine Stunde Pause im Pool. Für mich ein kleines Stück vom Himmel.

 

 

 

 

 

So hatte ich mir meine erste Wandertour nicht vorgestellt: zwischen Leipzig und Delitzsch sind Wander- und Feldwege eine Seltenheit.

Abends an der Rezeption stets die gleiche Frage: »Ach, zu Fuß?« Im Osten kommt öfters Nostalgie auf: »Haben wir früher auch gemacht«, erzählt ein Wirt, »wir sind an den Plattensee getrampt, und wenn kein Auto kam, sind wir auch mal 20 Kilometer gelaufen.« Sein Blick verliert sich für ein paar Sekunden, landet dann auf meinem Rucksack. »Gepäck war aber kleiner damals.«
Heute ist hier niemand mehr zu Fuß unterwegs. Erst an Tag 17 in der Lüneburger Heide treffe ich andere Wanderer: blaue Hemden, gelbe Tücher, Pfadfinder! Ich teile meine Bananenchips, sie ihre Erlebnisse.
Nach einer halben Stunde bin ich wieder allein. Nur das Klackern meiner Stöcke, 22 Tage lang. Bringt einen das zu sich selbst? Mich nicht. Gegen die Einsamkeit hilft träumen: Wieder mal in Leipzig am See galoppieren! Stattdessen tagelang Sachsen-Anhalt: immergleiche Felder. Straßendörfer. Und wieder Felder. Hier existiert die DDR noch. Jahrzehntealte Steinplatten, härter als Asphalt. Das geht auf die Knie, der Schmerz begleitet mich ab Tag zehn. Aber Aufgeben kommt nicht infrage. Mit dem Bus liebäugeln schon. Vor allem, wenn der alle 20 Minuten
an einem vorbeifährt. Beim Durchhalten helfen Psychotricks. Ich zähle nicht die Kilometer, sondern freue mich über den leichter werdenden Rucksack, wenn ich Wanderkarten heimschicke. Trotzdem: Meine Reserven verbrauchen sich schnell. Anfangs schaffte ich 30 Kilometer, am Ende ächze ich schon nach 18. Leipzig – Hamburg: Das ist kein Marathon, das ist ein Langzeitprojekt.
Letzte Etappe: von der Hamburger Stadtgrenze ins Zentrum. Ohne Stadtplan, einfach nach Gefühl. Die Elbe habe ich schon vor zwei Tagen bei Lauenburg überquert. Jetzt muss ich nur noch Richtung Westen laufen, durch schier endlose Vorstädte. Sonne von links. Alles gut! Plötzlich der Hauptbahnhof, das Blau der Alster, das Rathaus. Ich setze mich auf die Treppe vor dem Gebäude. Eine Gruppe Jugendlicher mit Transparenten scheint auf einen Star zu warten. Ein Touristenpärchen neben mir schnattert. Ich bin da.

Mit dem Elektroauto

JEDER STAU KANN JETZT DAS ENDE BEDEUTEN

TEXT: NINA HIMMER

NINA HIMMER, 26 FUHR MIT EINEM ELEKTROAUTO. WEIL ES UNTERWEGS SO WENIG LADESTATIONEN GAB, STAND SIE STÄNDIG UNTER STROM

Erste Etappe: Leipzig-Halle

Hallo, Halle! Wir erlauben uns einen Sekunden-Jubel, als wir gegen 10.30 Uhr das erste Ortsschild unserer Tour passieren. Zugegeben, die 45 Kilometer und 30 Minuten von Leipzig hierher sind selbst für E-Autos ein Klacks und Hamburg liegt gefühlt am anderen Ende der Welt. Aber die läppische erste Etappe war gut, um ein Gespür für den schneeweißen BMW Active E zu bekommen, an dessen Steuer ich sitze. Wie schnell kommen wir voran? Wie präzise sind die Anzeigen? Welche Geschwindigkeit raubt uns wie viel Reichweite? ...

Einfach Starten geht nicht - wer es von Leipzig nach Hamburg nur mit Strom schaffen will, braucht einen genauen Lage- und vor allem Ladeplan.

... Im Stadtverkehr schafft der mit Lithium-Ionen-Hochvoltspeichern vollgepackte BMW locker 160 Kilometer. Auf der Autobahn aber schrumpft diese Reichweite ruckzuck auf 100 bis 120 Kilometer. Könnte man so einfach Strom laden wie Sprit tanken, wäre das nicht weiter schlimm. Doch das Angebot an Ladesäulen für E-Autos in Deutschland ist, nun ja, übersichtlich. Und selbst wenn man eine Säule findet, heißt das noch lange nicht, dass man sie nutzen kann. Dafür braucht man den richtigen Stecker und vor allem Code oder Karte, um den Strom fließen lassen. Damit keine Langeweile aufkommt, regelt das jeder Anbieter anders. Und frei sein muss das Ding natürlich auch noch.

Die RWE-Säule in Halle ist zwar nicht besetzt, aber zugeparkt. Ein schwarzer Audi steht platzhirschig genau dort, wo ich hin muss. Dicker Motor, doppelter Auspuff, das moralische Gegenteil eines E-Autos. Wild kurbelnd versuche ich, trotzdem nah genug an die Säule heranzufahren. Glücklicherweise ist das schwere, orangene Ladekabel recht lang, so dass wir uns trotz Audi problemlos einstöpseln können. Das ist kinderleicht: Den Stecker am einen Ende des Kabels versenkt man im Auto dort, wo sonst der Tankstutzen sitzt, den anderen in der Säule. Ein kurzer Anruf bei der Hotline von RWE, und schon blinkt es blau – der Strom fließt. Mein Begleiter Markus und ich klatschen ab. Jetzt heißt es warten. Vier bis sechs Stunden muss die elektrische Variante des 1er Coupé an die Dose, wenn die Batterien ganz leer sind und man über den Typ-2 Stecker laden kann, der einen schnelleren Stromfluss ermöglicht. Für ein E-Auto ist das ziemlich fix. An einer normalen Steckdose würde der Spaß etwa zehn Stunden dauern. Schuko taugt für Rasierapparate, Handys und elektrische Zahnbürsten, nicht aber für Autos. Für die Schnellladesäulen, an denen man binnen einer halben Stunde 80 Prozent laden kann, ist der Active E leider nicht gerüstet. Da man die Anzahl dieser Wunderdinger aber ohnehin an einer Hand abzählen kann, ist das nicht weiter tragisch. Wir rechnen aus, dass wir mit zwei Stunden Ladezeit gut bis ins 90 Kilometer entfernte Magdeburg kommen müssten und machen uns auf, Halle zu erkunden.

 

 

 

 

Sind die Akkus komplett leer, dauert das Aufladen sechs Stunden. Dann reicht der Strom für 160 Kilometer im Stadtverkehr oder 120 Kilometer auf der Autobahn.
Es ist schön mit dem Wissen unterwegs zu sein, null Emission zu verursachen

Markus sitzt übrigens aus dem gleichen Grund auf dem Beifahrersitz, aus dem ich am Vorabend noch völlig überstürzt eine ADAC-Mitgliedschaft abgeschlossen habe: Muffensausen. Mein alter Schulfreund soll mich wachhalten, wenn mir am Steuer die Augen zufallen. Mir Gesellschaft leisten, wenn sich die Ladezeiten des Autos hinziehen. Und mich vor einem Nervenzusammenbruch bewahren, wenn mir nachts irgendwo in der Pampa der Strom ausgeht. Denn einfach so drauf losfahren, das musste ich bei der Planung dieser Tour schnell feststellen, ist mit einem E-Auto nicht drin. 16 Stunden werden wir für die Strecke nach Hamburg auf jeden Fall brauchen – wenn alles perfekt läuft.

Zweite Etappe: Halle-Magdeburg

Ein Bahnhofs-Frühstück später gleiten wir wieder über die hitzeflimmernde A14. Der BMW ist mucksmäuschenstill, was uns erst irritiert und dann begeistert. Strommotoren summen allenfalls dezent, im normalen Fahrbetrieb sind sie so gut wie lautlos. Die Soundkulisse gleicht trotzdem einem Heavy-Metal-Konzert: Da wir mit offenen Fenstern und nicht schneller als 80 bis 100 km/h fahren, hänge ich meist hinter einem LKW. Egal, wir können sowieso kein Radio hören, das würde zu viel Strom und damit Kilometer fressen. Aus dem gleichen Grund verzichten wir auf Klimaanlage, Licht und Experimente mit dem Tempo. Die Spitzengeschwindigkeit von 145 km/h und die flotte Beschleunigung reizen wir nicht aus. Das schmerzt, denn beim Anfahren könnten wir selbst Sportwagen rechts liegen lassen.

Nach knapp zwei Stunden tauchen in der Ferne die Türme des Doms auf. Endlich! Mein Shirt klebt an den hellen Ledersitzen, das Thermometer zeigt 31 Grad. Draußen.  Schon seit Staßfurt fantasiere ich von Getränken mit vielen Eiswürfeln darin, der Fahrwind bringt kaum Abkühlung. Leider schickt uns das Navi auf dem Weg zur nächsten Säule gnadenlos weg vom Zentrum, durch Vororte mit tristen Fassaden, geschlossenen Rollläden und menschenleeren Straßen. In dem von Supermärkten und Feldern umgebenen Wohnghetto ist von einer Ladesäule nichts zu sehen. Thietmarstraße 16 sagt das Navi. Thietmarstraße 16 sagt auch das Smartphone. „Neee“, sagt ein Spaziergänger mit Hund, „ne Nummer 16 gibt’s hier nüscht.“ Eine Säule für Autos habe er hier noch nie gesehen. Es gäbe aber eine mit Beuteln für Hundehaufen.

 

Nach einigem Hin und Her finden wir schließlich eine Säule des Fraunhofer Instituts vor einem Hotel in der Innenstadt, an der Rezeption bekommen wir die passende Karte. Nochmal Glück gehabt. Wieder blockiert ein anderes Auto unseren Platz, wieder quetschen wir uns dazwischen. Als es blau blinkt, machen wir uns auf den Weg ins Zentrum, besichtigen Hundertwasserhaus, Elbe, Dom und Altstadt, kühlen uns in einem klimatisierten Einkaufszentrum ab und lauschen beim Mittagessen den Liedern eines punkigen Straßenmusikers. Auf dem Rückweg trödeln wir herum, um die Ladezeit zu verlängern. Hätten wir uns mal lieber beeilt. Denn am Auto angekommen, begrüßt uns das Display mit der unheilvollen Meldung „Laden nicht möglich“. Tatsächlich zeigt die Anzeige gerade mal zehn Kilometer mehr als bei unserer Ankunft. Im Klartext: Die letzten drei Stunden haben wir völlig umsonst gewartet.

Verdammter Mist! Ist das die göttliche Rache dafür, dass ich die Zwei-Euro-Fotogenehmigung im Dom ignoriert und heimlich geknipst habe? Ich fluche herum, bis ein älteres Ehepaar vom benachbarten Café pikiert herüberblickt. Wir überlegen hin und her: Liegt es am Auto? An der Säule? Ist die Hitze zu viel für die Batterien? Wenig hoffnungsvoll stöpseln wir schließlich neu an – mit Erfolg! Kurze Erleichterung, dann Frust. Die Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt ist nett, aber für die doppelte Ladezeit reichen Charme und Größe der Stadt nicht aus. Nochmal drei Stunden hier totschlagen? Doch unsere Sorge ist umsonst: Weil der Ladevorgang immer wieder wieder abbricht, kommen wir gar nicht erst in die Verlegenheit eines weiteren Stadtbummels. Die nächsten zweieinhalb Stunden verbringen wir nämlich damit, in der prallen Sonne den Ladevorgang zu überwachen. Der bricht zuverlässig alle zehn Minuten ab. Am liebsten würde ich der Ladesäule einen ordentlichen Tritt verpassen, aber es ist viel zu heiß für so viel Körpereinsatz. Ich denke an die Reiterin, die auch gerade auf der Strecke unterwegs ist. Was würde ich darum geben, von einem heufressenden PS statt von 140 stromfressenden abhängig zu sein.

Dritte Etappe: Magdeburg-Braunschweig

Mit viel Verspätung verlassen wir gegen 18.30 Uhr Magdeburg und fädeln uns mit mageren 25 Kilometern mehr Reichweite als den 90 benötigten auf der Autobahn ein. Bis Braunschweig muss das reichen. Hitze- und Angstschweiß mischen sich, denn die A2 ist hügelig, und jede Steigung treibt die Nadel der Batterieanzeige weiter nach links. Dorthin, wo die Null wartet. Könnte auch ein Stimmungsbarometer sein. Ich versuche, mich stattdessen auf die digitale Anzeige zu konzentrieren. Ladebalken, Prozentanzeige, Reichweite – man hat die Wahl, wovon man sich verrückt machen lassen will. Unter normalen Umständen hätten wir nie so knapp mit den Kilometern kalkuliert, aber das Ladesäulen-Desaster zwingt uns dazu. Jetzt kann jeder Stau, jede Umleitung, jedes Verfahren und jeder Druck zu viel aufs Gaspedal das Ende der Reise bedeuten. Denn zwischen den beiden Städten gibt es keine einzige Ladesäule.

15 Kilometer haben wir noch, als wir um 20.20 Uhr mit flattrigen Nerven an der Ladestation der Technischen Universität eintreffen. Die ist eigentlich nur für Studenten gedacht, doch ein kurzer Anruf genügt, um uns Lade-Asyl zu verschaffen. Ein netter Doktorand erwartet uns schon, startet mit seiner Karte den Stromfluss und fragt mit Blick auf die Uhr und unsere erschöpften Gesichter, ob wir nicht in Braunschweig übernachten wollen. Aufgeben? Niemals! Wir wollen nach Hamburg, heute noch. Wozu hat ein Tag 24 Stunden?

 

 

 

 

 

 

Endllich am Ziel: die 380 Kilometer waren fast eine Tagestour. Mit einem Benziner hätte die Fahrt nur dreieinhalb Stunden gedauert.
In Hamburg hätte ich das E-Auto gerne noch behalten. In der Großstadt sind Ladestationen nämlich längst nicht so rar wie in der Peripherie.

Vierte Etappe: Braunschweig-Soltau

Kurz nach Mitternacht ziehe ich den Stecker. Das Auto ist fast voll, und auch ich fühle mich nach reichlich Kaffeeplörre durchaus geladen. Weil wir ohnehin im Schneckentempo unterwegs sind, entschließen wir uns, statt der A7 die Landstraße via Celle zu nehmen. So können wir zwar nicht wie geplant in Hannover laden, sparen uns aber satte 31 Kilometer auf dem Weg nach Soltau. Wahnsinn!

Rechts und links sausen Bäume vorbei, der Fahrtwind zupft Gänsehaut auf unsere Unterarme. Wir passieren die Ortsschilder abgelegener Dörfer, deren Namen man zehn Meter hinter dem Schild wieder vergisst. Dafür sieht es hier schon richtig nordisch aus, überall roter Klinker. Wir diskutieren kurz, ob Fernlicht wohl zu viel Strom frisst und passieren lautlos beschleunigend ein Schild, das aus Lärmschutzgründen zu Tempo 30 mahnt.  

Aus dem Nichts taucht bei Bröckel plötzlich eine Straßensperre vor uns auf. Wir erwarten einen kurzen Umweg, aber Pustekuchen: Erst nach viel zu vielen kurvigen Kilometern landen wir wieder auf der richtigen Straße. Ich bin kurz vorm Ausrasten, Hände und Stimme zittern. Mit einem E-Auto sind Umwege nicht nur ärgerlich, sondern problematisch. Hier draußen findet uns der ADAC nie! „Ach“, sagt Markus lapidar, „den können wir eh nicht anrufen. Bis wir liegenbleiben, ist auch das Smartphone leer.“

Fünfte Etappe: Soltau-Hamburg

Gegen 2.30 Uhr erreichen wir Soltau. Weil man sich um diese Zeit nicht im Heidepark amüsieren kann, warten wir im Auto, bis genug Kilometer für Hamburg beisammen sind. Die RWE-Säule in der Blumenstraße ist frei und funktioniert auf Anhieb, dank der Stadtwerke fließt der Strom hier sogar ohne Anmeldung. Das Licht unter dem Rückspiegel zeigt fröhlich blinkend an, dass wir laden. Toll, weil der Strom fließt. Nervig, weil wir schlafen wollen. Ich schlinge ein T-Shirt um den Spiegel, das hilft. Markus klappt den Sitz nach hinten und schlummert binnen Minuten, mich halten Kaffee und Aufregung wach. Um ihn nicht zu nerven, gehe ich ein bisschen spazieren. Soltau schläft und ähnelt einer Geisterstadt, in der Fußgängerzone schrecke ich einen Igel auf, der zwischen den hochgestellten Stühlen vor den Cafés nach allem sucht, was die Gäste tagsüber runtergekrümelt haben.

Zweieinhalb Stunden später brechen wir mit 25 Bonus-Kilometern auf. Von unserem Ziel trennen uns nur noch 80 Kilometer, Freude oder gar Triumph wollen sich trotzdem nicht einstellen. Fast unbemerkt hat sich unser Abenteuer in eine Qual verwandelt. Ich bin einfach nur noch müde. Muss mich zwingen, die Augen offen und das Auto in der Spur zu halten. Markus döst vor sich hin, brabbelt hin und wieder etwas von „Schnapsidee“ und nickt sofort wieder ein.

Am Ortschild Hamburg boxe ich meinem Beifahrer in die Rippen. Das letzte Stück ist hart, aber auch ein bisschen magisch. Vor uns geht die Sonne auf, hinter uns steht noch der blasse Vollmond am Himmel. Irgendwann sind wir einfach da, ganz unspektakulär. Statt direkt zum Hotel zu fahren, ringen wir den Batterien eine trotzige kleine Runde um die Binnenalster ab. Es ist fast halb sieben, die Stadt ist längst wach. Knapp 21 Stunden haben wir gebraucht, um sie zu erreichen.  

Auf dem Weg zum Hotel schiele ich im Vorbeifahren neidisch auf die vielen Tankstellen. Energie, einfach so, sofort verfügbar, quasi überall. Was für ein Luxus. Nach unserer Monstertour ist für mich klar: Elektroautos sind fantastisch – für den Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, zur Uni. Wenn man keine Lust auf die S-Bahn hat oder zu faul ist, aufs Rad zu steigen. Und wenn man nachts in der eigenen Garage laden kann. Es ist schön mit dem Wissen unterwegs zu sein, null Emission zu verursachen. Trotzdem: Langstrecken sind purer Stress. Mal langweilt man sich beim Laden zu Tode, dann wieder zittert man auf der Autobahn um jeden Kilometer. Die Sorge, liegen zu bleiben oder keine Ladestation zu finden, fährt immer mit. Mit einen normalen Auto hätten wir die Strecke in dreieinhalb klimatisierten Stunden geschafft. So waren es 21 schweißtreibende. Trotzdem tut es mir leid, den stillen und spritzigen Active E in Hamburg gegen einen normalen Mietwagen einzutauschen. Jetzt wo wir endlich hier sind, könnten wir ihn nämlich wirklich gut gebrauchen.

Auf dem Rennrad

Härtetest für Mensch und Rad

TEXT: CHRISTIAN THIELE

CHRISTIAN THIELE, 40, WÄHLTE DAS FAHRRAD ALS VERKEHRSMITTEL. SEIN CREDO: IMMER SCHÖN IN BEWEGUNG BLEIBEN

Kurz vor Landsberg. Leipzig-Magedburg, erster Tag, erstes Wegdrittel. Die sogenannte Straße hat hier mehr was von einem schlecht gewarteten Römerpfad als von einer halbwegs vernünftigen Linie von A nach B: Gröbstes Kopfsteinpflaster, sandiger Boden zwischen den Steinen, dazwischen Glasscherben, Kieselsteine und sonstiges, was hier nichts verloren hat. Wo ist mein Solidarbeitrag hingegangen? Und warum brettern die Autofahrer mit 20 cm Abstand an mir vorbei und hupen? Dass der Schlauch meines Rennrades hier Lust und Luft verliert, mit einem lauten, stöhnenden Pfffft seine zirka 2,5 bar ausbläst – ich kann es ihm nicht übelnehmen ...

Gelernt: Norddeutschland ist gar nicht so flach, wie man denkt.

... Man ist ja vorbereitet. Man hat ja einen Ersatzschlauch dabei. Man will ja nicht nur vorankommen, der Witz am Reisen ist ja das Unerwartete. Sage ich mir. Und ziehe fluchend den neuen Schlauch auf. Die Regenwolke vor mir ist nicht grau, sie ist tiefschwarz. Sie ist nicht groß, sie ist riesig. Und sie steht im Nordwesten. Da muss ich hin.
365 Kilometer, zumindest ist das die Distanz, die Google für Leipzig-Hamburg berechnet, per Fahrrad. In drei Tagen will ich es geschafft haben, denn dann hat meine Tochter Geburtstag, da will ich wieder zuhause sein. Kriege ich das hin? Halte ich durch? Halten meine Waden durch, mein Hintern, mein Rücken?
Bei Kilometer 40 kommen mir die ersten größeren Zweifel.

 

 

 

 

Anhalten bedeutet auskühlen, gib Gas
Google berechnet 365 Kilometer Fahrradstrecke, sagt aber nichts über den Zustand der Straßen. Autopisten wechseln mit Sandwegen und rumpeligen Ortsdurchgangsstraßen.

Gut, ich bin immer viel Fahrrad gefahren. Ich gehe in die Berge, Skitouren im Winter, Klettern und Mountainbiken im Sommer. Ich habe ein schickes, schlankes Rennrad. Einerseits.
Andererseits bin ich jetzt 40. Ich bin Vater, das macht eher fetter als fitter. Und die Strecke ist auch nicht gerade eine Komforttour: Sucht man im Internet nach "Elberadweg", wird einem automatisch "Hochwasser" als Ergänzung vorgeschlagen. Die Regenwolke, die ich da vor mir habe, heißt für die Elbe: mindestens noch mal 1,5 Meter drauf auf den eh schon ziemlich hohen Pegelstand. Also: Fluss großräumig umfahren. Und stattdessen Kilometer abreißen, über rumpelige Ortsdurchgangsstraßen und entlang glattbetonierter Autopisten.

In Köthen war Bach mal Hofkapellmeister. In Köthen gibt es eine Bäderlandschaft. Hilft mir beides nichts, denn in Köthen erwischt mich die Sintflut: Regen von vorne, von hinten, von links, von rechts, und ich bilde mir ein: Regen auch von unten. Meine Radschuhe haben Löcher an den Zehen und an den Fersen, der Regen rauscht einfach durch. Anhalten würde mich nur auskühlen, also gebe ich einfach Gas. Ich! Will! Heut! Noch! Nach! Magdeburg! Das war der Plan, das bleibt der Plan.
Nach zwei Stunden gibt es einen Müsliriegel Nuss. Nach vier Stunden einen Müsliriegel Aprikose-Nuss. Eine leichte kulinarische Steigerung. Ich trinke Magnesiumzeug aus der Apotheke, das hilft hoffentlich gegen Krämpfe.

Dem Regen geht die Puste aus, in der Abendsonne erreiche ich Magdeburg. Über mein Smartphone habe ich mir ein Hotel ausgesucht, vier Sterne im Benutzerranking, das klingt gut. Nach dem ersten Ortschild “Magdeburg” kommen noch mal 20 Kilometer Magdeburg: Ausfallstraßen, Autohäuser, ein “Deutsches Restaurant La Ola”. Irgendwann bin ich da. 128,93 Kilometer in 5 Stunden, 18 Minuten und 6 Sekunden. Da hab ich mir das weiche Bett in meinem leicht angekitschten Hotelzimmer und das Drei-Gänge-Menü beim Asiaten in der Innenstadt ja wohl mehr als verdient!

Zweiter Tag: Magdeburg-Uelzen

“Ich habe gerade nachgeschaut, Ihr Fahrrad ist noch da!” Freudestrahlend versichert mir das die Hotelchefin, als ich am nächsten Morgen die Treppe zum Frühstücksbüffet hinabgehumpelt bin. Soll ich mich darüber freuen, dass mein Rad noch da ist? Meinen Beinen wäre eher nach einem Tag am Strand. Meinem Hintern ebenfalls. Dem Rücken auch.

Egal. Müsli. Lachssemmel. Rührei. Honigsemmel. Grüner Tee. Orangensaft. Nochmal Orangensaft. Und los geht’s, Richtung Nordwest, Richtung Hamburg.

Als Bayer denkt man ja: Norddeutschland ist platt. In der Magdeburger Börde merke ich: Norddeutschland ist nicht platt. Es geht bergauf, bergab, an Weizenfeldern entlang, an Zuckerrübenäckern vorbei, hier waren mal die fruchtbarsten Böden Deutschlands. In Barby sehe ich einen Storch, in Hörsingen noch mal einen – wie schön, wann habe ich das letzte Mal einen Storch gesehen? Aber dass der Storch nicht die Kinder bringt, das merke ich spätestens hier. So leer die Dörfer, so trist. Keine Kindergärten. Keine Laufräder. Keine Trampolins. Kein Bundesland hat, prozentual, nach der Wiedervereinigung mehr an Bevölkerung verloren als Sachsen-Anhalt. Warum soll man hier vernünftige Radwege anlegen? Für wen? Ein sogenannter Radweg hier fängt in einem Sandloch an, führt ein paar hundert oder tausend Meter über eine mehr oder weniger glatte Asphaltpiste und endet dann wieder, vorwarnungslos, in einem Loch. Deshalb mein Vorsatz: Im Osten bloß noch Straße!
Grundsätzlich liegt mir ja das Fahrrad. Zwar langsamer als das Auto, aber viel schneller als zu Fuß. Es macht Mühe, aber auch Spaß – die Lust am Speed. “Kraftwerk” hat mal ein Album gemacht, “Tour de France”, das gibt diese schlanke Eleganz des Rennradfahrens, dieses Glatt-Rhythmische ganz gut wieder.

Radfahren heißt für mich auch: Befolgung der Verkehrsregeln nach Bedarf. Mit mehr oder weniger kleinen Regelverstößen kommt man auf dem Rad gut voran, ohne Andere zu gefährden, man ist ein bisschen Outlaw auf dem Fahrrad. Mitten im Büroverkehr.
Hier ist kein Büroverkehr, hier bin ich allein. Auch mal schön, drei Tage für sich sein. Und wenn mir das Alleinsein zu einsam wird, stelle ich mit meinem Smartphone ein Bild von unterwegs online, und schwupp – kriege ich ein gutes Dutzend Likes und Anfeuerungskommentare von meinen Freunden.
Das Smartphone soll mir jetzt helfen, was zu Essen zu finden. Aber ich habe keinen Empfang. Osten eben. Dann habe ich Empfang, aber finde kein Restaurant im Umkreis von 5 Kilometern. Osten eben. Radius 10 Kilometer: auch nix. 15 Kilometer: auch nix. In 20 Kilometern gibt es einen Italiener, ein Sportplatzrestaurant, das ist aber schon in Niedersachsen. Fahre ich halt da hin.
Eine Bruschetta als Vorspeise. Eine Zweimann-Portion Pasta als Hauptspeise. Ein Eis als Nachspeise. Ein Mars als Nachnachspeise: Man muss viel essen auf Radtour. Man darf viel essen auf Radtour. Sonst kommt der Hungerast, den will ich vermeiden. Dazu literweise Apfelschorle. Und ein bisschen Handy aufladen.

Eigentlich wäre heute Lüneburg das Ziel. Aber so weit komme ich nicht, Google hat sich mit den Kilometern verrechnet oder ich mich irgendwo verfahren, jedenfalls ist Lüneburg unrealistisch: Ich sitze jetzt seit 10 Uhr früh auf dem Rad, es ist 16 Uhr, und nach Lüneburg wären es noch mal mindestens vier Stunden. Ich will zum “Tatort” in Uelzen sein, und zwar geduscht und gefüttert.
Ich presche durch Niedersachsen. Pferdekoppeln rauschen an mir vorbei, Weizenfelder, Kindertrampolins. Jeder zweite war hier offensichtlich irgendwann mal Schützenkönig, denn an jedem zweiten Dachgiebel hängt eine Schützenscheibe mit Jahreszahl. Kurz vor Wittingen weht die erste HSV-Fahne in einem Garten – ich bin hier also richtig, Richtung Hamburg!
Ganz Uelzen steht Spalier, irgendjemand hat es ihnen gesagt, dass ich hier ankomme, man hat ein Willkommenstransparent über dem Ortsschild gespannt, die Blaskapelle spielt auf und der Mädchenchor singt, ich bekomme von der Bürgermeisterstochter mit verklärtem Blick einen Blumenkranz um den Hals gehängt, es werden Reden auf meine Wadeln und meine Willensstärke gehalten: Ganz genau so hat sich meine Ankunft zugetragen. In meinen Tagträumen. Die Realität ist banaler. Aber mein Hotelzimmer hat eine Badewanne. Besser als jeder Mädchenchor. Im “Tatort” bekomme ich gerade noch mit, wie eine Leiche gefunden wird. Dann schlafe ich tief.

 

 

 

 

Die Verkehrsregeln sind nicht immer auf Seiten der Fahrradfahrer. Wer trotzdem gut vorankommen will, braucht Glück bei der Suche nach Radwegen oder wird streckenweise zum Outlaw.
Hamburg ist erreicht - jetzt nur noch heil ans Ziel kommen ohne Panne

Dritter Tag: Uelzen-Hamburg

Warm und feucht soll es heute werden, heißt es im Dudelradio. Also schnell rauf auf’s Rad, so lange die Morgenkühle noch anhält.
90 Kilometer stehen auf der Tagesordnung, das müsste unter vier Stunden zu machen sein, denke ich – bis ich an der Ausfahrt zur S4 dieses große Warnschild sehe. Fahrradfahrer und Fußgänger verboten. Und jetzt?
Die Erkenntnis des ersten Tages: Umwege kann man machen – aber sie dauern halt länger. Deshalb wollte ich jetzt schon gerne auf die Direttissima nach Hamburg. Aber im Montagmorgenverkehr mit den ganzen Lkws die Staatsstraße teilen? Lieber nicht.
Ich irre durchs Uelzener Gewerbegebiet, lasse mich von Google auf einen Feldweg leiten, das bringt alles nix. Und jetzt? Mittelschwer genervt, fahre ich Richtung Westen, dann muss ich mich eben in Schleifen Hamburg annähern. Plötzlich stelle ich fest: Es gibt einen Radweg neben der Staatsstraße, also doch auf die Direttissima. Der Weg stimmt wieder.

Dann spinnt der Tacho: Mal fällt er aus, mal zeigt er korrekt das Tempo an. Kann mir ja eigentlich egal sein, sage ich mir, die Wahrheit liegt in den Waden und nicht im Display. Aber ich fühle mich doch um meinen erstrampelten Lohn gebracht, wenn der Tacho jetzt so einfach schlapp macht. Warum er ausfällt, und warum er eine halbe Stunde später wieder geht? Keine Ahnung. Jedenfalls rollt die Sache jetzt.

Norddeutschland ist, das weiß ich ja inzwischen, recht unflach. Aber warum es nördlich von Uelzen kilometerweise bergab geht, weiß ich eigentlich nicht. Habe ich mir das verdient? Beziehungsweise, geht es dann nachher wieder bergauf? So ist es ja doch meistens im Leben.
Egal, mir gefällt das Gefälle, ich lege eine “Speed-Stunde” ein: Eine Stunde lang einfach nur Dampf machen. Etwas für den Schnitt tun. Mit aller Gewalt so schnell wie möglich nach Hamburg.

An einer Tankstelle – warum sollen die eigentlich den Autofahrern vorbehalten sein? – zwei Hanutas, eine Cola, eine Apfelschorle und nochmal eine Apfelschorle, und weiter.
In Borstel hängt östlich der Straße eine riiiiiiesige HSV-Fahne und westlich der Straße eine ebenso riiiiiesige Hertha-Fahne. Ich stelle mir vor, wie die beiden Nachbarn sich da über die Jahre oder Jahrzehnte einen Fan-Krieg geliefert haben, ständige Aufrüstung, alle paar Monate das jeweilige Fahnenmodell wieder ein paar Quadratzentimeter größer. Dann zieht der Gegner nach. Wird die Sache irgendwann zu einer Verkehrsgefährdung? Muss die Straße dann umgeleitet werden?
Windmühlen fliegen an mir vorbei. Verkaufsschilder für neue Kartoffeln. Griechische Restaurants. Ich bin so schnell, dass mir meine Zehen schier einfrieren. Ich bin im Flow. Fahrrad und Fahrradfahrer sind zu einer Maschine geworden. Hamburg: 20 Kilometer. Hamburg: 10 Kilometer. Und schließlich, das gelbe Ortsschild: Freie und Hansestadt Hamburg.

Hamburg fängt hügelig an, sonnig und ziemlich ländlich. Es geht durch Baustellen, über dunkelgrüne Ampeln, die rechte Hand am Smartphone, die linke navigiert an Gullys und den Überresten von Astra-Flaschen vorbei. Keine Blaskapelle, kein Mädchenchor, keine Bürgermeisterstochter hier, um mich zu empfangen, die Stadt schaut mich nicht mit dem Arsch an. Typische Hamburger Arroganz, aber mir egal. Ich hab’s geschafft, ich bin nach 389 km und  15 Stunden 47 Minuten 06 Sekunden Fahrzeit in Hamburg angekommen. Mein Rad würde ich ganz gerne in der Elbe versenken, aber das verstößt sicher gegen die Richtlinien für Sondermüll und stört am Ende noch die Fische. Also lasse ich es schön vom Kurierdienst abholen und nach Hause verfrachten, setze mich in den Nachtzug nach München, creme mir den Po mit Windelcreme ein – und hole am nächsten Tag meine Tochter von der Kinderkrippe ab. Mit dem Stadtfahrrad.

Im Kanu

»VIELE HAT DIE FLUT GETROFFEN. wir helfen, wo wir können«

TEXT: DAVID SCHRÖTER

DAVID SCHRÖTER, 30, LEGTE DEN WEG NACH HAMBURG IM KAJAK ZURÜCK. 36 LEIPZIGER PADDELTEN MIT IHM. SO ETWAS SCHWEIßT ZUSAMMEN

Sven und ich kennen uns erst seit einem knappen Jahr. Zwei Ausflüge haben wir gemacht, um zu testen, ob es mit uns klappt. Der Himmel ist noch bedeckt, als wir Mitte Juli um 7.40 Uhr ins Wasser steigen. Zwölf Tage muss ich mich nun auf Sven verlassen, mein türkises, laminiertes, viereinhalb Meter langes Seekajak.
Alleine bin ich aber nicht: Mit mir paddeln 36 weitere Leipziger die 471 Kilometer Wasserweg nach Hamburg. Der Jüngste ist neun, der Älteste 71. Fast alle sind zu zweit, mit Freunden oder als Familien gekommen – und mir anfangs fremd. So wie die aufblasbaren Doppelmatratzen, die manche am ersten Abend in ihren Zelten aufbauen. Mir reicht meine faltbare Isomatte, ein Schlafsack, eine Wäscheleine und eine Ersatzgarnitur Wäsche ...

12 Tage, 471,02 Kilometer Wasserweg, ich und 36 andere Kanuten. Im Gepäck: Schlafsack, Isomatte, Ersatzwäsche und ein Stück Wäscheleine zum Trocknen!

... Eine so große Gruppe verlangt eine sorgfältige Organisation. Über Monate haben die Gruppenleiter die Route in 40- bis 70-Kilometer-Abschnitte aufgeteilt und Wassersportvereine ausfindig gemacht, bei denen wir die Zelte aufschlagen können. Die Flut im Juni hat viele getroffen, trotzdem hat uns niemand abgesagt. Für uns ist daher klar, dass wir helfen, wo wir können: Mal tragen wir Boote von den Sicherheitsplateaus, mal räumen wir auf.
Nachdem wir die ersten drei Tage auf Kanälen und auf der Saale gefahren sind und unsere Boote einige Male umsetzen mussten, wird es ab Barby auf der Elbe gemüt­licher. Sven und ich kommen gut miteinander klar und lassen uns von der Strömung tragen. Der Tagesablauf fließt nun in Routine dahin. Gegen die Hitze haben sich zwei Strategien durchgesetzt: Die einen fahren so früh wie möglich los, um nachmittags im Schatten zu entspannen. Die anderen genießen die Kühle am Morgen und ertragen die Hitze. Ich sehe zu, dass ich schnell frühstücke und früh um halb sieben auf dem Wasser bin.

Wassersportvereine bieten an den Etappenzielen Zelt- und Lagerplätze für die Kanuten an

Am vierten Tag bin ich mit Küchendienst dran. Das bedeutet noch früher aufstehen, einen Bäcker finden und zwei XXL-Kannen Kaffee per Hand aufbrühen. Während die anderen ihre Boote zu Wasser lassen, verstauen mein Teampartner und ich das Küchengeschirr neben Zelten und Gepäck im Transporter. Mit dem fahren wir bis zur nächsten Station in Rogätz, kaufen ein und bereiten das Abendessen für 19 Uhr vor. Es gibt Erbsensuppe.
Abends sitzen wir zusammen und trinken Bier. Manchmal gehe ich schwimmen oder spiele Karten – alleine. Es tut gut, ab und zu für mich zu sein. Denn natürlich gibt es in der Gruppe auch Nörgeleien und Diskussionen.
Aber insgesamt ist die Stimmung toll. Ich habe lange nicht mehr diesen Zusammenhalt gespürt, dieses Ziel, etwas in der Gruppe zu schaffen. Auf dem Wasser bin ich meistens mit zwei Ehepaaren unterwegs. Wir verstehen uns gut, machen Späße und lassen uns Zeit, die Natur zu erleben. Gerade machen die kleinen Enten ihre ersten Flugversuche. Selbst auf dem Rad würde ich solche Details gar nicht wahrnehmen.

Ab der zweiten Woche zwickt ab und zu mein Rücken, aber von ernsteren Blessuren bleibe ich verschont. Manche von uns plagen Sehnenscheidenentzündungen und steife Knie. Von oben bis unten zerstochen sind wir allerdings alle. Gegen die Mücken hilft einfach gar nichts.
Der zwölfte und letzte Tag ist einer der spannendsten. Ausnahmsweise starten wir alle gemeinsam, um durch die Schleuse in Geesthacht zu fahren. Dann müssen wir uns beeilen, um die restlichen 32 Kilometer zu schaffen, bevor die Flut zurückkommt. Als ich endlich am Steg des Harburger Kanu-Clubs anlande, ist das ein sehr befriedigendes Gefühl. Geschafft! 471,02 Kilometer mit reiner Muskelkraft. Zugegeben: Ich bin auch ein bisschen froh, dass es vorbei ist. Immer so früh aufzustehen – das ist kein Urlaub. 

Im Segelflugzeug

Mit Blumenkohlwölkchen ans Ziel

TEXT: KATHARINA FUHRIN

KATHARINA FUHRIN, 28, NAHM DAS SEGELFLUGZEUG. SCHON NACH KURZER ZEIT SAGTE IHR BAUCHGEFÜHL, DASS SIE KEINESFALLS RECHTSHERUM KREISELN MAG

Gert Kalisch redet über Probleme erst, wenn sie gemeistert sind. So kann ich nicht ahnen, dass wir bei Dessau scharf am Ende unserer Reise vorbeifliegen. Ich suche noch immer nach Blumenkohlwolken. Gert Kalisch war DDR-Meister im Streckensegelflug. Am Telefon hat er gesagt, die 300 Kilometer von Leipzig nach Hamburg, die seien doch ein Witz. In Südafrika fliege er locker 1000 Kilometer am Stück. Kalisch verbringt seine Wochenenden auf dem Flugplatz in Roitzschjora. Wochenlang habe ich wie eine Hochschwangere mit gepackter Tasche gewartet, bis ich ihn dort treffen konnte. Ein Segelflug lässt sich nämlich nicht buchen wie ein Linienflug. Man muss aufs Wetter hoffen ...

Schon vor dem Start gibt es eine Menge zu sehen, zum Beispiel die vielen Messinstrumente im Flieger.

... An einem Morgen ohne Wind und Wolken stehe ich endlich in Roitzschjora. Das Flugzeug wartet schon an der Startbahn. ZS-GKP heißt es, im Alphabet der Flieger: Zulu Sierra-Golf-Kilo-Papa. Es besteht hauptsächlich aus Flügeln. 650 Kilo schwer. Ein Modellflugzeug. Die Kabine sieht aus wie ein Autoscooter mit Glasverdeck.
Wir schauen in den Himmel und warten. Um zehn ziehen die ersten Wolken auf. Kalisch zeigt auf den Horizont: "Blumenkohlwölkchen, ein gutes Zeichen, dass es bald losgeht." Blumenkohl bedeutet Thermik.
Vor dem Start, klar: Sicherheitshinweise. Im Notfall soll ich alle Gurte lösen, seitwärts rauskippen und die Reißleine des Fallschirms ziehen. Dann kriege ich einen Thermikhut aufgesetzt, Schutz vor Sonnenstich.
Kalisch startet den integrierten Motor. Der bringt uns die ersten paar Hundert Meter in die Höhe und erspart uns die Seilwinde. Das Abheben ist kaum zu spüren. Wir drehen ein paar Schleifen. Der Höhenmesser vor mir zeigt 900 Meter, als Kalisch den Motor ausstellt. Ein sehr merkwürdiges Gefühl. Aber wir bleiben oben, steigen sogar weiter, denn wir kreiseln um eine Thermikblase herum.

Auch aus gut 1300 Metern Höhe kann ich die Vorgärten der Häuser am Boden noch erkennen.

Dann gleiten wir zum ersten Mal Richtung Hamburg. Wir erreichen 150 Stundenkilometer in diesen Freiflugphasen. Bis zur nächsten Thermikblase, an der es nach oben geht, spiralförmig wie an einem Fusilli. Mal linksherum, mal rechtsherum. "Das macht man nach Gefühl", sagt Kalisch. Mein Bauchgefühl sagt: linksherum, denn rechtsherum wird mir schlecht. Kalisch hatte vor dem Start vielsagend auf den Beutel neben mir gedeutet. Doch ich halte durch und mein Frühstück bei mir.
Der Flug wird richtig schön. Wie viel Wasser es rund um Leipzig gibt! Ehemalige Braunkohlegruben, klärt Kalisch auf. Verstehen kann ich ihn gut, obwohl ich die kleine Luke geöffnet habe und der Wind mir ins Gesicht bläst. Nur das Variometer nervt, das jedes Steigen und Fallen in akustische Signale verwandelt.
"Jetzt wird es spannend", höre ich Kalisch murmeln, kann aber nichts Besonderes entdecken. 700 Höhenmeter und der nächste Blumenkohl ist noch ein ganzes Stück weit weg. Das ist das Problem. Kalisch sucht bereits nach einem Notlandeplatz, was er mir erst nach der Landung erzählt. 300 Meter gelten als "level of no return". Wer so tief sinkt, kommt nicht wieder hoch. Aber unser ZS-GKP ist ein schweres Flugzeug und kann deshalb, das klingt paradox, besonders gut gleiten. Manchmal füllen Piloten Wasser als Ballast in die Flügel. Wir schaffen es.
Wir nähern uns Hamburg-Boberg. Kalisch buchstabiert über Funk "Zulu Sierra-Golf-Kilo-Papa" und steuert Kreise Richtung Boden. Ab 300 Meter sinken wir dann allerdings ganz schön schnell. Die Landung fühlt sich für mich als Laien an wie ein kontrollierter Absturz, was Herr Kalisch wahrscheinlich nicht so gern hören würde. Nach dem Aufsetzen rattern wir eine Minute das Rasenfeld entlang. Um 14.32 Uhr hebt Kalisch den Glasdeckel. Ich bin tatsächlich in Hamburg.